Letzte Station des Lebens

"Man muss den Kopf frei haben, nur so kann das Pflegepersonal die Belastungen in der Palliativ-Medizin ertragen." Die ärztliche Leiterin der Palliativstation in Neustadt/WN, Dr. Susanne Kreutzer, sprach bei der SPD Stadtmitte. Bild: sbü

Die Wahrscheinlichkeit, dass wir sterben, beträgt 100 Prozent. Trotzdem wird das Thema gerne verdrängt. Was ist der richtige Weg in den Tod? Bei einem Infoabend der Kliniken Nordoberpfalz war keine Frage tabu.

(sbü) Dr. Susanne Kreutzer, ärztliche Leiterin der Palliativ-Station der Kliniken Nordoberpfalz in Neustadt/WN, hielt keinen Vortrag, sondern beantwortete nur Fragen der Zuhörer. Doch genau deswegen kam eine wohl selten so tief beeindruckende und umfassend informierende Darstellung des Themas Palliativ-Medizin zustande. Eingeladen hatte die SPD Stadtmitte. Dr. Kreutzer berichtete hauptsächlich aus ihrem Alltag in der Palliativstation. Und da geht es eben hauptsächlich um das Thema Tod.

Insgesamt war es ein Plädoyer für die Palliativ-Medizin. "Ungeheure Summen an Geldern werden im letzten Lebensjahr eines Menschen für medizinische Behandlungen ausgegeben. Nur ein Zehntel davon fließt in die Palliativ-Medizin", betonte Dr. Kreutzer. "Nach drei bis vier Stunden ist der Patient in der Palliativ-Medizin schmerzfrei."

Wer für seine eigene Person "zu viele lebensverlängernde Behandlungen" in den einzelnen Fachbereichen verhindern wolle, solle dies durch Patientenverfügung und Beauftragung eines Bevollmächtigten ausschließen. Spätestens wenn mit dem Anwalt gedroht werde, müssten die behandelnden Ärzte sich daran halten. In einer solchen Verfügung könne zum Beispiel die Verlegung in die Palliativ-Station verlangt werden. Sehr offen räumte Dr. Kreutzer aber auch für ihre eigene Person Unsicherheiten über die eigene zukünftige Verhaltensweise ein.

Hospizstation nicht vor Ort

Breiten Raum nahm das Thema "Kosten der Krankenhausbehandlung" ein. "Auf der Palliativ-Station wird nichts verdient", hieß es dazu. Es werde auch massiver Druck ausgeübt, denn "jeder einzelne Punkt eines Behandlungsplans wird vom medizinischen Dienst der Krankenkassen minutiös durchgegangen". Einfluss auf die Patientenstruktur in Neustadt habe zudem das Fehlen einer ortsnahen Hospizstation. Nur über Spenden könne das vollständige Leistungsangebot ihrer Station aufrechterhalten werden, sagte Dr. Kreutzer. Früher sei die Palliativ-Medizin in die einzelnen Abteilungen integriert gewesen. "Schade, dass man auf eine extra Station muss."

Und dann berichtete Dr. Kreutzer noch über viele Details ihrer Station. "Der Seelsorger ist ganz wichtig. Wir versuchen den Menschen die Angst zu nehmen." Für zwei Drittel der Patienten sei die Palliativ-Station "die letzte Station des Lebens". Der Rest "kehrt entweder in die Häuslichkeit zurück oder wird in ein Pflegeheim verlegt". Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer liege bei 9 Tagen. Nur 5 Prozent aller Menschen würden in einer Palliativ-Einrichtung sterben.

"Passive Sterbehilfe"

Jeder Tag in ihrer Station koste pro Patient rund 500 Euro, erklärte die Leiterin. Die Belastung der Angehörigen sei manchmal größer als die der Patienten selbst. "Wer bei uns stirbt, stirbt einen Tod ohne Beschwerden" sagte Dr. Kreutzer auch. Dennoch: "Sterben bleibt ein Geheimnis. Was im Leben getragen hat, trägt auch im Sterben." In Bezug auf die Sterbehilfe-Diskussion sagte Dr. Kreutzer: "Was wir machen, ist passive Sterbehilfe, wir werfen uns der Krankheit nicht in den Weg." An der Rechtslage würde sie nichts ändern wollen.
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