Liebe Not mit Notfallplan

Längst ist das Passauer Jugendamt mit der Betreuung der vielen unbegleiteten Flüchtlingskinder überlastet. Was das Weiden angeht? "Wir sind gefordert. Wir müssen Amtshilfe leisten", erklärt der OB. Und bitte flott, flott übers Wochenende, fordert die Bezirksregierung. Das Problem: Die Hauruckaktion birgt Sprengstoff.

"Das ist erst der Anfang", fürchtet Jugendamtsleiterin Bärbel Otto mit Blick auf die Anreise von 15 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen aus dem total überlaufenen Passau am Mittwochnachmittag in Weiden. Angekündigt hat deren Ankunft die Regierung der Oberpfalz erst am vergangenen Freitag gegen 15.30 Uhr - und das bereits für Montag. "Damit stellte uns die Regierung äußerst kurzfristig vor die Herausforderung, als verlängerter Arm für das Jugendamt Passau für eine angemessene Unterkunft für die Jugendlichen zu sorgen", sagt OB Kurt Seggewiß. Und nicht nur das. "Es braucht auch Fachleute und Hilfskräfte", weiß Otto. Von 8 bis 23 Uhr müssen sie die minderjährigen Flüchtlinge betreuen, die im Weidener Fall wohl überwiegend zwischen 15 und 17 Jahre alt sind, wohl aus Afghanistan kommen und Wohnräume der Stadtbau beziehen. Nur lässt sich externes Fachpersonal, sprich Sozialpädagogen, nicht binnen weniger Tage organisieren. Deshalb springt das qualifizierte Personal des Jugendamtes ein.

Die Folge: Die Kräfte werden in Notfall-Dienstplänen gebündelt und fehlen vorläufig bei der Schul- und Jugendsozialarbeit oder bei kommunalen Einrichtungen wie Koki, dem Netzwerk frühe Kindheit der Stadt und des Landkreises. "Diese Notfall-Dienstpläne mit derzeit etwa 15 Sozialpädagogen können wir aber nicht lange aufrechterhalten", weiß Otto.

Im Jugendamt wird's eng

"Das birgt Sprengstoff", erklärt der OB. "Wir stoßen hier nämlich ziemlich schnell an unsere Grenzen." Es bestehe die Gefahr, dass die Sozialarbeit in der Stadt zum Erliegen kommt. Gefährdungsmeldungen, die nahezu täglich im Jugendamt zu vernachlässigten oder misshandelten Kindern eingehen, müssen schließlich bearbeitet werden. "Ruckzuck kann es deshalb vom Notfallplan für unbegleitete Jugendliche zum Notfallplan fürs Jugendamt kommen", warnt Otto, und OB Seggewiß pflichtet ihr bei: "Am Ende kann es sein, dass die ganze Stadtverwaltung rotieren muss, um zu helfen."

Ein Mann aus der Kämmerei vertritt die Frau im Jugendamt? Damit es erst gar nicht so weit kommt, bittet die Stadt um Hilfe von außen: "Wir suchen jeden zur Anstellung, der annähernd eine pädagogische Ausbildung vorzuweisen hat", sagt Otto.

Obendrein seien ehrenamtliche Helfer gefragt wie Vereinsvertreter, die Freizeit mit Flüchtlingen verbringen, sie beispielsweise mit zum Fußball nehmen. Oder Gastfamilien, die die Jugendlichen, die seit Monaten ohne Zuhause sind, aufnehmen und sich um sie kümmern. Das Jugendamt übernimmt Unkosten und Pflegegeld. Denjenigen, die sich gut verstehen, soll die Möglichkeit eines längerfristigen Pflegeverhältnisses nicht verwehrt bleiben.

Die Obhutnahme von minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen regelt das Sozialgesetzbuch. Demnach werden sie nicht nach dem Flüchtlingsaufnahmegesetz behandelt. Bei ihnen greift das Kinder- und Jugendhilfegesetz. Sie bekommen einen Vormund gestellt, müssen zur Schule gehen und können eine Berufsausbildung anfangen. Allerdings dürfen sie nicht die Stadt verlassen. Eine Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften ist für sie ausgeschlossen.

"Kaum unterzubringen"

All das ist längst bekannt im Jugendamt. Allein schon wegen der minderjährigen Flüchtlinge, die die Bundespolizei nun vermehrt in Zügen und am Bahnhof findet. Zwei bis drei sind es aktuell pro Woche. 31 derzeit in Weiden insgesamt. "Und sie sind schon kaum mehr unterzubringen", erklärt Otto.

Umso wichtiger ist es, frühzeitig über Ankünfte informiert zu werden, sagt Rechtsdezernent Hermann Hubmann und kritisiert die kurzfristige Mitteilung der Bezirksregierung am Freitagnachmittag über die Ankunft der Flüchtlingskinder. Hubmann: "Zudem brauchen wir Informationen über die Verteilkriterien, um ausrechnen zu können, wann wir wieder Amtshilfe leisten müssen." Das wäre ein Anfang.
Weitere Beiträge zu den Themen: Juni 2015 (7772)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.