"Literarisches Café": Der Journalist Rudolf Tomsu aus Tachau über Vertreibung und die ...
"Das größte Trauma unserer Geschichte"

Rudolf Tomsu. Bild: Kunz
Es waren Rachegefühle. Darauf gründet seit dem Zweiten Weltkrieg die gemeinsame Geschichte von Deutschen und Tschechen. Das glaubt der Journalist Rudolf Tomsu aus Tachau. Die Vertreibung sei jahrzehntelang in Tschechien tabuisiert worden, sagte er bei seinem Vortrag für das "Literarische Café" des Katholischen Erwachsenenbildungswerks im Hotel "Zur Post".

Was die Tschechen nach 1945 den Deutschen angetan hätten, bezeichnete er als das "größte Trauma unserer Geschichte". Nach der Vertreibung von drei Millionen Menschen habe das Land wieder aufgefüllt werden müssen. Gekommen seien auch Rumänen, russische und bulgarische Rückkehrer, Slowaken, Roma und Menschen, "denen meist nichts anderes blieb, als ins Grenzland zu gehen".

Fischsuppe im Aquarium

Viele Ortschaften seien verschwunden. Aber: Auch die Tschechen wurden enteignet. Nach 1948 sei das gewesen: Das Land wurde im sowjetischen Sinne kollektiviert. Landwirtschaft wie Industrie. Das Ganze sei 1951 von der Währungsreform gekrönt worden. "Statt lebenslanger Ersparnisse, Wertpapiere, Aktien und staatlicher Anleihen blieben allen nur 50 Kronen Startkapital." Das war "kommunistische Gerechtigkeit". Man habe aus einem Aquarium Fischsuppe gemacht.

Seit nunmehr 20 Jahren bemühe man sich, aus der Fischsuppe wieder ein Aquarium zu kreieren. Wer Fragen gestellt habe, auch nach 1968, sei ausgegrenzt worden. Als Journalist habe er das am eigenen Leib erfahren, als die Nachbarn die Straßenseite wechselten, wenn er gekommen sei. Informationen habe er nur aus zensierten Zeitschriften und Büchern beziehen können.

Mit dem Mauerfall sei seine Einsamkeit endlich zu Ende. Alle Informationen seien plötzlich verfügbar gewesen. Der Titel seines Vortrags lautete "70 Jahre - auseinander und zueinander. Bayerisch-tschechische Beziehungen aus der Sicht eines ebenso alten Tschechen." Die Vertreibung und Aussiedlung der Sudetendeutschen empfänden viele Tschechen heute noch als gerechte Antwort auf den Verrat von München, auf alle Demütigungen und Mordtaten der NS-Jahre und als endgültige Beseitigung einer innerstaatlichen Bedrohung. Von den Pogromen und Mordtaten nach Kriegsende sei wenig bekannt.

Die Angst nach Grenzöffnung, dass die Ehemaligen zurückkommen würden, sei mit Händen greifbar gewesen. Dies sei so weit gegangen, dass in einem Grenzort die Freiwillige Feuerwehr Wache geschoben habe, um den Angriff abwehren zu können. Heute habe die wirtschaftliche Entwicklung die Politik überholt. Der wesentliche Stolperstein sei aber immer noch das Verhältnis zu denen, die mehr als tausend Jahre "die Unseren" gewesen seien.
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