Literarisches Zirkeltraining

Christof Lappler gab sich im historischen Amtszimmer abstrusen Machtfantasien hin. Bild: otj

Zehn Spielorte, je 15 Minuten Lesung und weitere 15 Minuten Zeit, um zur nächsten Station zu kommen - sportlich, sportlich diese vierte "Prager Nacht". Ein literarisches Zirkeltraining, wenn man so möchte. Die Lesungen führten die Besucher quer durch ganz Weiden. Der Bus, den einige Besucher wegen des Wortes "Shuttle-Lesung" erwartet hatten, kam allerdings nicht - weil es ihn nicht gab.

Auf Schusters Rappen also: Von der Umkleidekabine am Langen Steg über das Gerichtsgebäude und den Betsaal St. Michael bis zum Foyer der Druckerei Spintler. Oder umgekehrt. Gelohnt hat sich der spätabendliche Spaziergang allemal. Allein wegen der außergewöhnlichen Spielorte, die gewissermaßen Paten für die Auswahl der Texte tschechischer und deutscher Autoren waren. Und: Zuhörer, die sich ein bisschen mehr Zeit ließen, konnte auch ganz bequem von Lesung zu Lesung schlendern.

Im Betsaal der Gemeinde St. Michael erwartete bereits die Berliner Schauspielerin Cornelia Schönwald ihre Zuhörer. Sie ließ einen der größten Schriftsteller Tschechiens zu Wort kommen, Jaroslav Hasek, der geistige Vater des "Braven Soldaten Schwejk. Dem Spielort entsprechend interpretierte die Mimin den Text "Die Ohrenbeichte" - wandelbar schlüpfte sie in ihren 15 Minuten in die Rollen eines bigotten Kirchenmannes im vollen Ornat, eines Rechtsanwaltes und eines Arztes.

Nur ein paar Schritte weiter, im historischen Amtszimmer des Alten Rathauses hatte Christof Lappler hinter dem wuchtigen Schreibtisch Platz genommen. Der Nürnberger Theaterschauspieler las aus Jirí Mareks "Die Sorge um die Menschen". Mit großer Geste gab er sich als amtlicher Würdenträger den absurden Machtfantasien seiner Rolle hin.

Punkrock und Kafka

Punkrock stand auf dem abendlichen Stundenplan der Franz-Grothe-Musikschule. Der Berliner Schauspieler, Sprecher und Autor Mathias Kopetzki hatte die E-Gitarre umgehängt und machte erst einmal ordentlich Radau. Ach ja, gelesen wurde auch - aus "Allein der Rocker schafft Liebe" von Jaroslav Rudis - dem zurzeit populärsten tschechischen Schriftstellers, vor allem bekannt für den Bestseller "Vom Ende des Punks in Helsinki".

Über den Dächern von Weiden, im Büroloft der licht- und glasverwöhnten Werbeagentur AERA MEDIA gab es den obligatorischen Kafka. Schauspieler Stephan Wurfbaum las über den Köpfen der Zuhörer aus einem Zeitungsartikel, den der sonst eher düstere Autor nach dem Besuch einer Flugschau für die Prager Zeitung "Bohemia" geschrieben hatte.
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