Medizin contra Marketing

Rückbesinnung auf zentrale Werte des Arztberufes - das wünschen sich der Referent des Abends, Professor Dr. med. Harald Mang (links), und der Leiter des Instituts für Medizintechnik an der OTH Amberg Weiden, Professor Dr. med. Clemens Bulitta. Bild: sbü

Der Referent steht nicht im Verdacht, Kapitalismuskritik zu verbreiten. Vielmehr ist er Medizinprofessor, arbeitet an der renommierten medizinischen Fakultät der Uni Erlangen. Und doch geht er mit dem Gesundheitswesen hart ins Gericht.

(sbü) Nach wie vor zählen Ärzte zu den angesehensten Berufsständen in unserer Gesellschaft. Ihre Arbeit berührt die Grundlage unseres Lebens. Zu Recht stellen sie deshalb in ihrer Berufsordnung hohe Anforderungen an sich selbst. Da steht unter anderem, dass sie "nicht das Interesse Dritter über das Wohl des Patienten stellen dürfen" oder "Der ärztliche Beruf ist kein Gewerbe". Wie die Realität aussieht, darüber sprach Professor Dr. med. Harald Mang an der OTH Amberg-Weiden. Der Titel seines Vortrags: "Der Arztberuf als Profession im Zeitalter der Gesundheitswirtschaft".

Der Referent lehrt an der Medizinischen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, ist Anästhesist und Studiengangsbeauftragter für das Masterstudium medizinische Prozesse. Das wichtigste Fazit des Vortrags lautete: "Gesundheitswirtschaft und Arztberuf gehen nicht zusammen." Mang fordert für die Gesundheitswirtschaft "mehr Effektivität, das heißt weniger, aber dafür richtig".

Regionale Unterschiede

Mit zahlreichen Beispielen untermauerte Mang sein kritisches Fazit. Eines davon war die Häufigkeit einer Entfernung der Gaumenmandeln bei Kindern und Jugendlichen in den Landkreisen in Deutschland. Die Indexwerte zeigen insgesamt große Unterschiede, in manchen Regionen wird sechs bis sieben Mal so oft operiert wie anderswo. Ähnliches bei der Erstimplantation künstlicher Kniegelenke. Genannt werden auch die Beispiele Bypass-Operationen und Defibrillator-Implantationen. Mang zählt eine lange Liste von Über-, Unter-, und Fehlversorgungsbereichen auf (nachzulesen auf www.faktencheck-gesundheit.de).

Wenn Mang vom "Arztberuf als Profession" spricht, meint er insbesondere Patienteninteresse, Haltung, Verantwortlichkeit und lebenslange Weiterbildung des Arztes. Bezüglich der Realität unserer Gesundheitswirtschaft nennt der Medizinprofessor einige "Baustellen der ärztlichen Profession" so unter anderem die "Abwehrschlacht" ihrer Interessenvertreter ("extrem veränderungsresistent") oder die "Knappheit der ärztlichen Arbeitskraft". "Doppelt so viele Ärzte leisten die gleiche Stundenkapazität wie in der Vergangenheit", sagte Mang. Er erkennt eine "Entwicklung zur Jobmentalität in der Medizin". Nur in Deutschland sei die Akademisierung medizinischer Pflegeberufe verhindert worden.

Pulsmessen vergessen

Oftmals würden grundlegende Selbstverständlichkeiten ("Basics") nicht praktiziert. Zum Beispiel das Pulsmessen. Auch werde "im Zweifel gehandelt und nicht abgewartet". Marketinggründe der Gesundheitswirtschaft führt der Experte als Ursache für Fehlentwicklungen neben den Personal- und Sachzwänge in den Kliniken an. Marketinggründe seien auch schon in der Geschichte der Medizin entscheidend für Fehlinformationen gewesen. Mehr als der medizinische Fortschritt seien Lebensführung, Hygiene und Gesundheitsbewusstsein entscheidend für die längere Lebenserwartung. Und generell sieht der Referent auch die Interessenkonflikte zwischen Gewinnorientierung und Patienteninteresse. Deshalb setzt er Fragezeichen hinter die Begriffe "Wissenschaftlichkeit in der Forschung und in der Versorgung". Für Mang gibt es allerdings "nicht gute und schlechte Krankenhäuser, sondern nur gut und schlecht geführte Abteilungen".

Professor Dr. med. Clemens Bulitta, der den Referenten begrüßt hatte, forderte in der Diskussion "mehr Versorgungsforschung für den Patienten". So könne vielleicht besser nachgewiesen werden, dass oftmals im Hospiz die bessere Lebensqualität und die selbe Lebensdauer wie bei vielen patientenbelastenden Therapien geboten werde.
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