Mit Vollgas in Tangenten-Diskurs

Bau- und Planungsdezernent Hansjörg Bohm. Bild: Huber

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. In der Stadt Weiden ist die Diskussion um die Weiterführung der Süd-Ost-Tangente zur Vohenstraußer Straße noch zu führen. Auch, weil die Stadt neues Bauland braucht, das in bester Lage in Weiden-Ost geschaffen werden könnte. Allerdings nur, wenn die Vohenstraußer Straße von Verkehr entlastet würde.

Wenngleich die Bürgerliste ihren Antrag, über die Süd-Osttangenten-Verlängerung in einem Bürgerentscheid befinden zu lassen, in der Juli-Stadtratssitzung zurücknahm, bleiben Fragen, die Bau- und Planungsdezernent Hansjörg Bohm im NT-Interview beantwortete. Das Gespräch führte Josef Wieder.

Stimmt die Aussage, dass durch die Eröffnung der A 6 der Verkehr auf der Vohenstraußer Straße zurückgegangen sei?

Hansjörg Bohm: Nein. Die Verkehrsbelastungszahlen für die Staatsstraße 2166/Vohenstraußer Straße und für die B 22 unterscheiden sich vor und nach Eröffnung der A 6 östlich des Autobahnkreuzes Oberpfälzer Wald kaum. Dies ergab eine Auswertung für beide Straßen jeweils zwischen 1995 und 2010. Die gut ausgebaute St 2166 bleibt zusammen mit der B 22 von Weiden in Richtung Tschechien erste Wahl. Hingegen ist die A 6 östlich von Amberg mit 18 000 Fahrzeugen pro Tag (Auswertung 2015) für eine Autobahn relativ gering belastet.

Unterscheidet sich die Vohenstraußer Straße von anderen Weidener Ein- und Ausfallstraßen?

Bohm: Von allen Ein- und Ausfallstraßen außerhalb des Tangenten-Vierecks verblieb die Vohenstraußer Straße als einzige in ihrer alten Trasse. Demgemäß führt nur sie noch mitten durch ein Wohngebiet. Längst wurden die B 22/Neustädter Straße, die B 470/Christian-Seltmann-Straße, die St 2166/Frauenrichter Straße und die St 2238/Etzenrichter Straße außerhalb des Tangenten-Vierecks aus Wohngebieten hinausverlegt. Sie wurden zu anbaufreien Straßen. Und die B 15 wurde teilweise zur A 93. Zusammen mit der B 22 bildet sie einen Teil des Tangenten-Vierecks.

Ist die Vohenstraußer Straße wirklich weniger als andere Weidener Ein- und Ausfallstraßen belastet?

Nur B 22 und B 470 haben außerhalb des Tangenten-Vierecks eine höhere Verkehrsbelastung als die östliche St 2166/Vohenstraußer Straße.

Warum ist die Entlastung nötig?

Bohm: Gibt es weiterhin keine SüdOst-Tangenten-Verlängerung, so prognostiziert Dr. Reinhard Baier, der Autor des Weidener "Gesamtstädtischen Verkehrskonzepts", für den Abschnitt B 22 - Biberstraße ein Verkehrsaufkommen von bis zu 16 500 Fahrzeugen pro Tag. Gegenüber der heutigen Belastung von rund 11 000 Kfz/Tag in diesem Abschnitt nehmen sich die übrigen Weidener Ein- und Ausfall-Staatsstraßen eher bescheiden aus.

Gibt es Vergleichszahlen?

Die westliche St 2166 liegt auf Höhe Neunkirchen bei 7000 Fahrzeugen pro Tag, die St 2238 bei Mallersricht und die St 2657, also die Obere bzw. Untere Hauptstraße in Rothenstadt bei jeweils 8000 Kfz am Tag.

Beachtlich ist auch der Diagonalverkehr von der Vohenstraußer Straße zur bestehenden Tangente. In der Biberstraße und im Hopfenweg ist mit gut 3000 Kfz/Tag zu rechnen, mehr als das Anderthalbfache von heute. Mit einer Verlängerung sinken diese Werte in der westlichen Vohenstraußer Straße, in der Biberstraße und im Hopfenweg wieder auf den heutigen Wert.

Was sind die Hauptgründe, die den Bau einer Süd-Ost-Tangenten-Verlängerung rechtfertigen?

Rein verkehrstechnisch betrachtet kommt das Weidener Hauptstraßennetz ohne diese Maßnahme aus. Die bestehende Vohenstraußer Straße kann natürlich auch 16 000 Kfz/Tag und mehr "verdauen". Entscheidend sind die Lärm- und Schadstoffemissionen in die Wohnquartiere beiderseits dieser Ein- und Ausfallstraße hinein. Da scheint die Toleranzgrenze bei "nur" 11 000 Kfz/Tag schon heute erreicht zu sein.

Gibt es weitere positive Gesichtspunkte?

Bei einer Verkehrsentlastung bietet sich die Entwicklung mehrerer Dutzend Hektar hochattraktiven Eigenheim-Baulands beiderseits der äußeren Vohenstraußer Straße an. Solche Wohnbauflächen wieder nur über die Vohenstraußer Straße erschließen zu wollen, dürfte den angestammten Anwohnern vor allem der stark belasteten westlichen Vohenstraußer Straße kaum noch zuzumuten sein. Die Erwartung, dann wenigstens den Durchgangsverkehr auf eine neue Umgehungstraßse auszulagern, wäre nur allzu verständlich.

Also sprechen nicht nur verkehrliche Aspekte für das Projekt?

Die Frage nach Sinn oder Unsinn des Projekts hängt wesentlich davon ab, ob im Weidener Stadt-Osten größere Wohnbauflächen entwickelt werden sollen oder nicht. Dessen ungeachtet würde eine Verlängerung mit prognostizierten 8000 bis 9000 Kfz/Tag sehr gut angenommen. Damit läge sie mit den übrigen Weidener Ein- und Ausfall-Staatsstraßen etwa gleichauf und bei mehr als dem Doppelten des Belastungsmittelwerts bayerischer Staatsstraßen.

Wie geht es verfahrenstechnisch mit der Süd-Ost-Tangenten-Verlängerung weiter, wenn ein Bürgerbegehren hierzu bis auf Weiteres abgesagt ist?

Die Verwaltung geht 2016 die generelle Fortschreibung des Flächennutzungsplans an. Neben neuen Gewerbeflächen (hauptsächlich im Stadt-Westen) und neuen Wohnbauflächen - für Eigenheime schwerpunktmäßig im Stadtosten - wird in diesem Planwerk die Weiterführung des Tangente eine zentrale Rolle spielen. Insofern würde sich ein auf bauleitplanerische Würdigung zielendes Bürgerbegehren erübrigen.

Die Eingriffe in Natur und Landschaft wären aber doch gigantisch?

Selbstverständlich hat sich diese Trasse konkurrierenden Belangen wie Natur- und Landschaftsschutz, Landschaftsbild, Fauna/Flora, Stadtklima und Naherholung zu stellen. Die Flächennutzungsplan-Fortschreibung bildet eine geeignete Plattform für eine fachgerechte Abwägung zwischen diesen Belangen. Erst wenn die Süd-Ost-Tangenten-Verlängerung aus einem solchen Prozess als vertretbar hervorgeht, mag der Zeitpunkt gekommen sein, über ihre bauliche Realisierung nachzudenken.

Wer würde denn bauen?

Baulastträger ist der Freistaat Bayern. Er stuft diese Maßnahme im 7. Staatsstraßen-Ausbauplan in die Dringlichkeit "1 Reserve" ein. Damit ist eine Projektierung erst für die Jahre 2021 bis 2025 angedacht. Schon vorher könnte die Stadt diese Aufgabe als förderfähige Sonderbaulast in ihren eigenen Wirkungskreis übernehmen. Ein Bürgerentscheid könnte konkret nur die Übernahme einer solchen Sonderbaulast wollen.
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