Nach Angriff auf Pfleger: 53-Jähriger in forensischer Psychiatrie
Freiwillig in Fesseln

Das Schwurgericht hat am Dienstag die dauerhafte Unterbringung eines 53-Jährigen in der forensischen Psychiatrie angeordnet. Der gebürtige Franke hatte 2014 im Bezirkskrankenhaus Wöllershof Pfleger und Patienten angegriffen. Eine Krankenschwester würgte er über 30 Sekunden. Das Gericht sah "eine Gefahr für die Allgemeinheit".

Anwalt Thomas Pompe hatte eine zivilrechtliche Unterbringung gewünscht. Der 53-Jährige würde dann wie bisher in Bezirkskrankenhäusern oder Heimen untergebracht. Landgerichtspräsident Walter Leupold sah "den inneren Kampf des Verteidigers": "Hier stehen sich die Freiheit des einen und die Sicherheit der Allgemeinheit gegenüber."

Den Fall des 53-Jährigen macht so ungewöhnlich, dass dieser nach Aussage seiner Ärztin gerne in der Straubinger Forensik bleiben möchte. Leupold: "Er will die Unfreiheit. Er bittet: Fesselt mich, damit ich nichts anstellen kann." Das bestätigte eine Ärztin aus Wöllershof: "Er hat des öfteren darum gebeten, fixiert zu werden. Wenn er gesehen hat, es geht in die Richtung."

Der 53-Jährige ist seit 36 Jahren psychisch krank. Seit 1985 ist er geschlossen in Heimen und Krankenhäusern untergebracht. Er leidet an einer besonders stark ausgeprägten Schizophrenie mit Halluzinationen: Stimmen befehlen ihm, zu töten. Im Herbst 2014 gewannen die Stimmen Überhand. Drei Mal versuchte der Mann im Bezirkskrankenhaus Wöllershof, Patienten und Pfleger zu würgen. In zwei Fällen wurde er überwältigt. Von der Krankenschwester ließ er nach einer Weile selbst ab. Das Gericht sah dreifachen versuchten Totschlag, einmal mit Rücktritt. Eine solche Gefährdung ist laut Leupold dem Personal nicht mehr zuzumuten. Straubing sei auf solche Patienten besser eingestellt und personell entsprechend ausgestattet.

"Russisches Roulette"

Dabei ist dem 53-Jährigen das Böse eigentlich wesensfremd. Landgerichtsarzt Dr. Bruno Rieder hat ihn in Straubing besucht. "Er ist im Grunde genommen ein Braver. Eben furchtbar krank." Der psychiatrische Gutachter sieht Wiederholungsgefahr als Voraussetzung für die Unterbringung gegeben. "Es nicht zu erwägen, halte ich für russisches Roulette." Derart von Halluzinationen gequält zu werden, sie wie "lang anhaltende Folter". Der 53-Jährige hat unglaublich viele Suizidversuche hinter sich: Er hat sich Feuertreppen hinabgestürzt, Buntstifte in den Körper gerammt, den Fernseher zertrümmert und mit den Scherben am Hals geschnitten.

"Er kommt aus einer ganz normalen Familie", berichtete der Betreuer. Der Vater Lehrer, drei Geschwister, mittlere Reife. Mit 17 brach die Krankheit aus. Nach eigenen Angaben hatte er mit Drogen experimentiert: Haschisch, LSD, Heroin. Der Betreuer zweifelte das an. Leupold hielt es für möglich: "Marihuana löst gern Schizophrenie aus."

Der Betreuer bedauerte, dass es keine Einrichtungen für Langzeitpatienten gibt: "Er ist ja nicht bösartig. Er ist eine verlorene, unglückliche Seele." Langzeitstationen gab es früher, wusste Landgerichtsarzt Rieder. "Das sind Dinge, die man sich heute nicht mehr leistet." Der Beschuldigte sei weder in Heimen noch in Akutkrankenhäusern wie Wöllershof richtig aufgehoben. Am liebsten wäre er bei seinen Eltern: "Undenkbar."

Rechtsmediziner Prof. Dr. Peter Betz aus Erlangen bestätigte, dass das Würgen der Krankenschwester zum Tod hätte führen können. "Das ist keine Frage der Dauer, sondern des Drucks." Beim Druck auf den Kehlkopf bestehe die Gefahr eines reflektorischen Herzstillstands. Zwar selten: "Aber in einem Jahr hatten wir drei Fälle." Darunter einen Handkantenschlag bei einer Schlägerei sowie ein Kind, das im Kindergarten mit dem Kehlkopf auf eine Kiste fiel und sofort tot war.
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