Nach Sturz: Heim verklagt

Statt Bauchgurt: Beschäftigte eines Weidener Seniorenheims zeigen, wie ein Spezialsessel Fixierung vermeiden kann. Bild: Götz

In einem Seniorenheim in Tirschenreuth ist im Juni 2013 eine ältere Dame gestürzt. Das wäre vielleicht nicht ungewöhnlich, wenn die Frau nicht mit einem Bauchgurt an einen Besucherstuhl gebunden gewesen wäre. So saß die unruhige, verwirrte Patientin unbeaufsichtigt auf dem Gang des Pflegeheims, bis sie samt Stuhl umkippte.

Weiden/Tirschenreuth. (ca) Die 65-jährige Frau brach sich den Oberarm in Schulternähe. Ihre Krankenkasse wollte sich jetzt vor Gericht die Krankheitskosten vom Heim, dem BRK-Seniorenheim Ziegelanger, holen. Der Unfall wäre nach Ansicht der Klägerin vermeidbar gewesen.

So sei die Fixierung weder fachgerecht ausgeführt gewesen: Verwendet wurde ein ganz normaler hölzerner Stuhl und ein Bauchgurt, der für den Transport von Rollstuhlfahrern geeignet ist. Noch sei eine Fesselung zeitgemäß. Gängige, alternative Mittel statt der freiheitsentziehenden Maßnahme seien nicht ausgeschöpft worden bzw. im Heim gar nicht vorhanden.

In erster Instanz war die Klage der Krankenkasse auf 4234 Euro am Amtsgericht Tirschenreuth noch abgewiesen worden. Der Richter argumentierte unter anderem, dass auch ein Dritter den Stuhl umgeworfen haben könnte. Für Mittwoch war nun die Berufungsverhandlung vor der Zivilkammer am Landgericht Weiden angesetzt. Am Vorabend der Verhandlung, Dienstag, erkannte das Seniorenheim die Ansprüche der Krankenkasse überraschend an. Das Heim zahlt die Krankheitskosten - Fall erledigt.

Damit bleibt ein Gutachten unter Verschluss, das in einer Verhandlung öffentlich gemacht worden wäre. Der Weidener Berufungsrichter hatte eine Pflegefachfrau beauftragt, im Seniorenheim nach dem Rechten zu sehen. Das Urteil der Expertin fiel nicht sehr schmeichelhaft für das Seniorenheim aus. Das Haus ist inzwischen unter neuer Leitung, wird umgebaut und neu ausgestattet (siehe Kasten).

Weiden fast fixierungsfrei

Es lohnt ein Blick in Weidener Seniorenheime: Dort ist man mittlerweile flächendeckend mit speziellem Mobiliar ausgestattet, das eine Fixierung überflüssig macht. "Die Weidener Einrichtungen sind fast fixierungsfrei", sagt ein Heimleiter. Es gibt niedrige Sessel oder Sitzkissen. Bei bettlägerigen Patienten spart man sich die Fesselung mit Niederflurbetten, die sich absenken lassen. Wer dann herausfällt, rollt auf eine Sensormatte, die ein Signal im Schwesternzimmer auslöst.

Sabine Frischholz von der Betreuungsstelle der Stadt hat einen guten Überblick über Fixierungsmaßnahmen: Für jede Fixierung ist ein richterlicher Beschluss nötig, auch, wenn nur ein Bettgitter hochgezogen wird. "Wir haben fast keine Beschlüsse mehr." Nur drei der acht Weidener Einrichtungen verwenden überhaupt noch Fixierungen, und das nur in begründeten Ausnahmefällen.

Die glückliche Lage in Weiden kommt nicht von ungefähr: Seit 2013 beteiligen sich die Seniorenheime freiwillig am Projekt "Redufix", angeschoben von der jetzigen Jugendamtsleiterin Bärbel Otto. Bei Schulungen im Rathaus erfuhren die Heimleiter am eigenen Leib, wie es ist, fixiert zu werden. "Ich habe kurzzeitig Panik gekommen", sagt ein Teilnehmer.

Er erinnert sich auch an die Skepsis beim Personal, das mit den Gurten ja nichts Böses wollte, sondern Stürze verhindern. Sein Fazit nach zwei Jahren "ohne": "Es stürzen auch nicht mehr oder weniger Leute als vorher." Bauchgurte "gibt's schon lange nicht mehr". Auch keine Stühle mit Tischchen davor. Wie sich die Pfleger behelfen? "Wir machen gar nichts. Und wir fahren gut dabei."
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