Noch lange kein alter Hut

23 Jahre lang leitete Maria Weidacher das Geschäft. 2004 ist sie verstorben.

Sie war die Tochter eines Schuhmachermeisters. Doch Margarete Diesel liebte Kopfschmuck. Also eröffnete die Putzmacherin einen Hutladen. Am Montag feiert "Weidacher Hut und Mode" 125. Geburtstag.

Weiche Filzmützen sind gerade gefragt, Schlapphüte liegen im Trend und der passende Fascinator zum Cocktailkleid darf auch nicht fehlen, weiß Renate Weidacher-Herzig. Als die 55-Jährige das sagt, sitzt sie neben einem Hosenanzug aus smaragdgrünem Samt, gleich daneben hängt eine exklusive, aber waschbare Seidenbluse, dahinter spitzen die Pailetten des neckisch kurzen taupefarbenen Cocktailkleides hervor. Schick ist sie, die Damenmode im ersten Stock. "Aber die Hüte gebe ich nicht auf. Das sind unsere Wurzeln. Ihnen muss man treu bleiben." Und das tut die Familie seit 125 Jahren. Exakt so alt wird "Weidacher Hut und Mode" am Oberen Markt am Montag, 27. Oktober.

Es begann im Putzwinkel

Angefangen hat alles ein paar Häuser weiter hinten, in der Verlängerung der Pfannenstielgasse. "Im Putzwinkel" eröffnete Margarete Diesel 1889 die Türen ihres Ateliers "Chapeaux & Modes" für Damenhüte und Modewaren. Eineinhalb Jahre später heiratete die Geschäftsfrau den Porzellanmaler Karl Diesel. Das Paar bekam drei Kinder. Den Laden führte die Putzmacherin wie gehabt.

Seit 1924 arbeitete Margarete Diesels einzige Tochter Maria (30), zwischenzeitlich ebenfalls Modistin und Frau von Lorenz Weidacher, im Laden mit. 1935 übernahm sie nach dem Tod der Gründerin das Geschäft, das in der Zwischenzeit in die Sedanstraße umgezogen war. Wo heute Kaffee und Kuchen im Café Büttner serviert werden, gab es damals Hüte und Mode zu kaufen.

Marktlücke Abschlusskleid

"Heute kommen die Kunden erstmals mit 16 und suchen sich ihr Abschlussball-Kleid aus", sagt Renate Weidacher-Herzig. Ansonsten gibt es viele Stammkundinnen. Einige kommen regelmäßig aus Prag. Die anderen sind Geschäftsfrauen von hier und da: "Vergangene Woche hat eine Kölnerin sich eine Mütze gegönnt." Übrigens: Angst vor dem Konkurrenten Internet hat die Geschäftsfrau nicht: "Wir bieten Service. Und unterschätzen Sie nicht die Haptik beim Einkauf: Man muss einen Stoff im Wortsinn begreifen."

Am heutigen Standort eröffnete "Weidacher Hut und Mode" erst 1954. Zwischenzeitlich arbeitete Schwiegertochter Maria, ebenfalls eine Modistenmeisterin mit Ausbildung in Dresden, mit im Geschäft, das sie schließlich 1969 mit 43 Jahren übernahm. Die Kriegswirren hatten sie nach Weiden verschlagen.

"Meine Mutter Maria nahm in den 60er und 70er Jahren an jedem Wettbewerb teil", erinnert sich die heutige Chefin Renate Weidacher-Herzig. Und das tat sie mit großem Erfolg. Sie erhielt den Ehrenpreis der Stadt Düsseldorf. Zahlreiche Gold- und Silberauszeichnungen folgten. Obendrein gewann Maria Weidacher zahlreiche namhafte Hersteller von Damenoberbekleidung als Partner. Gleichzeitig erweiterte die bekannte Modistin ihr Atelier für Modellhüte. Auch Renate Maria Weidacher begeisterte sich für das Handwerk.

1979 begann die 20-Jährige daher ihre Ausbildung zur Modistin in Münchens renommiertem Hutatelier Häusler. Das kaufmännische Know-how lernte sie als Volontärin bei Hut Breiter. Sie arbeitete unter anderem mit Modeschöpfer Winfried Knoll zusammen. Er gilt als der Society-Schneider Münchens in den Jahren des Wirtschaftswunders. 1985 bestand Renate Weidacher als Jahrgangsbeste mit Auszeichnung ihre Meisterprüfung. Sofort trat sie in den elterlichen Betrieb ein.

150 Menschen ausgebildet

Aktuell beschäftigt "Weidacher Hut und Mode" sieben Mitarbeiter: Drei sind Schneiderinnen, eine ist Modistin, eine ist gelernte Verkäuferin, die unter anderem mit Russischkenntnissen für das internationale Publikum im Laden glänzt. "Viele Mitarbeiter sind schon 20 oder gar 30 Jahre hier beschäftigt." Außerdem arbeitete Renate Weidachers Mann im Büro und eine Auszubildende an ihrer Karriere als Einzelhandelskauffrau. Apropos Lehrlinge: "Über die Jahre haben wir hier sicher über 150 Azubis ausgebildet."

Doch zurück zu Renate Weidacher: Erste Erfahrungen sammelte sie, als sie Anfang der 90er die Filiale im Vesten Haus leitete. Gegenüber im Geschäft wurde umgebaut. Eine Hamburger Innenarchitektin half, ein Schreiner aus der Nähe der Hansestadt schnitzte an den Einbauschränken aus Ulmen-Holz, die noch heute charakteristisch für das Geschäft sind. 1992 übernahm Renate Weidacher das Geschäft von der damals 70 Jahre alten Mutter. Ein Jahr später erfolgte der Einzug in die alten, aber neu gestalteten Räume. Seither leitet Renate Weidacher das Geschäft am Oberen Markt.

Wenn sie nicht gerade in der ersten Reihe bei der Modenschau von Designer und Frauenliebling Guido Maria Kretschmar in Düsseldorf sitzt. Auch ein Treffen mit Stardesignerin Anja Gockel ist nicht selten. Zum Beispiel bei der viertägigen Reise zur Fashion Week in Berlin: "Sie ist eine nette, unkomplizierte Frau." Obendrein ist die Designerin, die einst mit Vivian Westwood in London gearbeitet hat, vierfache Mutter. Renate Weidacher-Herzig hat übrigens zwei Kinder. Eva, die Tochter, macht derzeit ein duales Studium bei Wöhrl in Fürth. Nicht die schlechtesten Voraussetzungen, um die Familientradition fortzusetzen.
Weitere Beiträge zu den Themen: Oktober 2014 (9309)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.