NS-Geschichte ist nie auserzählt

Petra Vorsatz und Dr. Sebastian Schott vor einem Bild des Stalag XIII B, dem Kriegsgefangenenlager Weiden an der heutigen Kasernenstraße. Bild: Huber

Die Nazi-Zeit in Weiden - ja, was soll es zu diesem Thema 70 Jahre nach Kriegsende noch Neues geben? Am Sonntag eröffnen Petra Vorsatz und Dr. Sebastian Schott vom Stadtarchiv eine Ausstellung zu eben diesem Thema. Und wer sie sieht, ist eines Besseren belehrt. Es gibt sie: neue Erkenntnisse, unbekannte Bilder, außergewöhnliche Exponate.

(ca) Eröffnet wird die Ausstellung "NS-Gewaltherrschaft am Beispiel Weiden" am Totensonntag, 23. November, um 11 Uhr im Stadtmuseum im Kulturzentrum Hans Bauer, Schulgasse 3 a. Die Ausstellung besteht aus zwei Teilen. Im Erdgeschoss werden auf Roll-ups ausführlich in Text und Bild verschiedene Aspekte des NS-Regimes aufgearbeitet. Das reicht von Schutzhaft bis zum Frauenbild im Dritten Reich, immer mit Blickwinkel Weiden. Diese Schau kann als Wanderausstellung an Schulen gehen. Wertvolle Unterstützung erfuhr das Stadtarchiv dabei von Johanna Nowak (Aha-Agentur).

Lebensgroß

Ergänzt wird die Dokumentation im Erdgeschoss mit Exponaten und Objekten im 1. Obergeschoss. Zum Teil in Lebensgröße. Haustechniker Bernhard Weiß hat den Zaun des Stalag XIII B, des Weidener Kriegsgefangenenlagers, nachempfunden. Dazu gibt es eine Original-Uniform eines Kriegsgefangenen mit abgetrennten Abzeichen zu sehen.

Äußerst eindrucksvoll, ja schockierend ist ein wandfüllendes Foto der vierköpfigen Familie Hausmann, das ihre Deportation am Weidener Bahnhof zeigt. Am Gürtel hat sich der jüngere Sohn eine Taschenlampe befestigt. Am Revers prangt der Judenstern. Fotografiert hat die Szene der offizielle Stadtfotograf, der für OB Hans Harbauer den "historischen Moment" des Weggangs der letzten Weidener Juden dokumentierte. Die Familie scheint zum Greifen nah. Keiner der vier hat überlebt.

Seite an Seite haben Petra Vorsatz und Sebastian Schott im Staatsarchiv in Amberg Dokumente gesichtet. Sie stießen dabei auf Gerichtsunterlagen des "Erbgesundheitsgerichts am Amtsgericht Weiden". Dieses Gericht zwang für die ganze Region Frauen zur Zwangssterilisation im Weidener Krankenhaus. Betroffen waren alle Frauen, bei denen man "erbkranken" Nachwuchs befürchtete. Petra Vorsatz: "Ich wusste das alles - in der Theorie. Aber wenn man dann einen Brief in der Hand hält, in dem ein Mann darum bittet, seine Verlobte zu verschonen, dann geht das schon sehr nah." Weitgehend vor der Öffentlichkeit verborgen war bisher auch, dass das Leben vieler behinderter Weidener ganz grausam 1941 in der Euthanasie-Tötungsanstalt Hartheim zu Ende ging.

Vieles unveröffentlicht

Und das sind nur kleine Beispiele für die vielen Dokumente und Fotos, die in den Vitrinen bereit liegen, von Besuchern entdeckt und studiert zu werden. 70 Jahre sind seit dem Kriegsende vergangen. Das eröffnet ganz andere Möglichkeiten der Veröffentlichung. "Wir können Sachen zeigen, die wir bisher nicht zeigen konnten." Zur Veröffentlichung gilt eine Zehn-Jahres-Frist nach dem Tod, bei Gerichtsakten 30 Jahre nach Abschluss des Verfahrens, bis das letzte Schriftstück zu den Akten ging.

Auch viele Weidener haben Privates dazu gegeben. Fotoalben, Souvenirs aus dem Stalag. Es liegen Polizeiprotokolle im Original vor, die auch ein etwas anderes Licht auf die "Heldentat" der Zugführer Grünwald und Dietl werfen, die im April 1945 einen Munitionszug aus dem Bahnhof rangierten, der später explodierte.

Zu viel will Petra Vorsatz nicht verraten. "Wir wollen, dass die Leute kommen." Gelegenheit haben sie bis 26. Februar, wochentags von 9 bis 12 und 14 bis 16.30 Uhr. Es ist auch eine Führung an einem Wochenende vorgesehen. Eintritt frei. Beim Rundgang empfiehlt es sich, im Erdgeschoss zu beginnen. Etwa ein bis zwei Stunden sind einzuplanen.
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