Ohne Deutsch läuft gar nichts

Erfahrungen überschneiden sich, andere sind völlig konträr: Das zeigten die Erfahrungsberichte zum Thema Integration von (von links, sitzend): Svitlana Joffe, Samira Ismailov (aus Aserbeidschan), Nilgün Küpür, Cenk Uzman und Veit Wagner sowie (von links, stehend): Sozialpädagoge Alexander Weber (Abkömmling von Spätaussiedlern, wie es offiziell heißt) und Ilyas Ali Hassan (Flüchtling aus Somalia). Bild: Porsche

Nilgün Küpür kam mit drei Jahren als Gastarbeiterkind nach Deutschland, Svitlana Joffe als "jüdischer Kontingentflüchtling", wie das offiziell heißt. Beide sind längst integriert. Wie es dazu kam und welche Probleme es auf dem Weg dahin gab, erzählten sie und andere bei einem Gesprächsabend im Café Mitte.

Weiden. (ps) Dazu eingeladen hatte Veit Wagner als Vorsitzender des Integrationsbeirats der Stadt Weiden. Aus dem Gremium waren auch die meisten Gesprächsteilnehmer, die ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Thema Integration schilderten.

Eine Erfahrung, die viele gemeinsam haben, die in sehr jungen Jahren nach Deutschland kamen oder hier geboren wurden: Sie mussten in der Regel Dometscherdienste für ihre Eltern leisten, die sehr schlecht oder gar nicht Deutsch sprachen. Mit 6 Jahren übersetzte Nilgün Küpür damals die Auskunft eines Bankkaufmannes für ihren Vater. "Der Mann musste sich vorbeugen, um mich zu sehen", erinnerte sie sich.

"Wir haben zum Teil gar nicht verstanden, was wir da übersetzt haben", sagte Svitlana Joffe, die mit ihrer Mutter im April 2000 nach Weiden kam. Deutsch-Kenntnisse sind der Schlüssel zur Integration, waren sich letztlich alle einig. 13 Jahre war Sivtlana Joffe, als sie nach Weiden kam, konnte kein Wort Deutsch. 2006 machte sie Abitur, absolvierte das Deutsch-Kolloquium mit der Note eins. Zu verdanken habe sie das einem Lehrer, der sie stark unterstützte, einem VHS-Sprachkurs und ihrer Mutter. Deren Studium der Betriebswirtschaft sei in Deutschland leider nicht anerkannt worden, bedauerte die junge Frau, die inzwischen bei der Firma Witt tätig ist.

Ein Problem, das auch viele Asylbewerber kennen, wie zum Beispiel Ilyas Ali Hassan. Er kam vor zwei Jahren als Flüchtling aus Somalia in die Bundesrepublik. Sein Studium der Betriebswirtschaft wird hier ebenso wenig anerkannt wie sein Führerschein. "Weil die Originaldokumente fehlen", erzählt er. "Aber bei uns herrscht seit 30 Jahren Bürgerkrieg. Deshalb habe ich keine Originaldokumente."

"Unseren Vätern und Großvätern ging es nicht viel anders als Flüchtlingen", erinnerte Nilgün Küpür an die für viele Gastarbeiter schwierigen Anfänge in Deutschland. Manche seien bis heute nicht integriert, weil sie sich nicht eingefügt hätten, bedauerte sie. Sie selbst habe als türkisches Mädchen viele Verbote beachten müssen. Ihrem Sohn (19) und ihrer Tochter (17) lasse sie dagegen viele Freiheiten, erklärte die Geschäftsfrau. "Sie müssen auch mal Fehler machen dürfen und daraus lernen."

"Als Mann durfte ich alles", schilderte dagegen Cenk Uzman, 1968 als Sohn türkischer Gastarbeiter in Weiden geboren. "Männer dürfen ohne weiteres eine Deutsche heiraten. Bei Mädchen hieß es immer, das geht nicht." Trotz aller Freiheiten. Aus der Ehe mit einer Deutschen ergaben sich für ihn auch Probleme. "Gibt man den Kindern deutsche Namen, sind meine Eltern beleidigt, gibt man den Kindern türkische Namen, verstehen das die Schwiegereltern nicht." Die Lösung des Problems: Die Söhne heißen Quentin und Milan. "Das ist weder deutsch noch türkisch." Doch so einfach lassen sich natürlich nicht alle kulturellen Unterschiede überbrücken.

Gegenseitiger Respekt

Den Willen dazu machten nicht nur die Mitglieder des Integrationsbeirats deutlich, die ihr persönliches Schicksal schilderten, sondern auch die Diskussionsteilnehmer. Die Gesprächsrunde wird deshalb fortgesetzt. Die Zielsetzung formulierte Svitlana Joffe: "Egal, von welcher Kultur man kommt oder von welchem Glauben. Es geht darum, dass das, was man lebt, gegenseitig respektiert wird und dass man offen miteinander reden kann. Dann funktioniert eine Gesellschaft."
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