Patienten geht es tierisch gut

Enten, Hühner und ein Wildschwein auf einen Blick, das ist in der Tierauffangstation in Kümmersbuch nichts Ungewöhnliches. Aber alle vertragen sich, wie es scheint. Bilder: Gebhardt (11)

Eberhard grunzt zufrieden. Der Wildschwein-Keiler hat wieder einen Leckerbissen gefunden in seinem Gehege. Da stört ihn auch nicht das markerschütternde Geschrei von Esel Goliath nebenan. Der begrüßt gerne die Besucher im Namen aller 200 Bewohner der Tierauffangstation in Kümmersbuch. Gerade kommen schon wieder ein paar Neue.

Chef Hans Weiß nimmt ein paar Kartons in Empfang, beobachtet vom riesigen Wolfshund Wolfgang. Was ist drin? "Wespenbussard, Sperber, Amsel", meint er lapidar. Die Vögel müssen aufgepäppelt oder versorgt werden. Kein Problem, sagt Weiß - er kann das. Seit 20 Jahren betreut er Tiere, die ausgesetzt, angefahren, beschlagnahmt oder verletzt gefunden wurden. Seit 2006 ist er sogar offiziell staatlich anerkannt.

Manche müssen bleiben

Das 10 000-Quadratmeter-Gelände am Ortsrand von Kümmersbuch ist kein Privatzoo, auch wenn es von außen so aussieht: Auswilderung, also das Entlassen in die freie Natur, ist das Hauptziel von Hans Weiß. Für rund ein Drittel der Tiere, die hier aufgenommen werden, ist das allerdings nicht mehr möglich: Da stolziert der Storch, der nur mehr einen Flügel hat; Füchsin Bärbel liebt Hunde, da sie von ihnen aufgezogen wurde; Keiler Eberhard ist blind; zwei Rehkitze werden mit der Flasche aufgezogen. Sie alle müssen in menschlicher Obhut leben.

Von klein auf dabei

Hans Weiß ist für diese Tiere die richtige Adresse. Seit Kindesbeinen hat er sich mit ihnen beschäftigt, von der Mäuse- und Rattenzucht bis zum Vogelschutzverein. Seltene Vögel gehörten ebenso zu seinem Repertoire wie Reptilien.

Vom elterlichen Hof wechselte er mit seiner Menagerie in die neu erbaute Zimmerei/Dachdeckerei, dort entstanden Zug um Zug die jetzigen Gehege. Neben dem Jagdschein machte er auch die Falknerprüfung und ist seitdem oft auf Veranstaltungen unterwegs mit Adler, Geier und Uhu aus seinem Bestand. Ein Rundgang durch das Gelände erfordert viele zoologische Kenntnisse, denn nicht alle Käfige sind beschriftet: Da sitzt der Jägerliest, der Kookaburra, die größte Eisvogelart. Zwei Kolkraben blicken listig auf den Besucher, verschiedene Geier sorgen sich um ihren Nachwuchs, Felsensittiche kreischen, seltene Falken durchflattern ihre Voliere. Dazwischen stolziert ein schwarzer Schwan, scharren jede Menge Hühner, watscheln diverse Entenarten um die Taubenkäfige. Vier Schneeeulen betrachten den Besucher sinnend-ausgeglichen. Am hinteren Ende erhebt sich ein Hügel, von dem ein Rudel Sika-Hirsche in die Runde äugt. Sie teilen sich ihr Domizil mit einigen Straußen und kommen gut klar. Wasserschildkröten schwimmen in einem Stahltank, und der zahme Waschbär nebenan macht unmissverständlich klar, dass er jetzt Hunger hat. Das hat Hans Weiß registriert. Denn der schwarz-weiße Kamerad ist nicht der einzige mit Kohldampf.

Viel Arbeit jeden Tag

Gut zwei Stunden braucht Hans Weiß jeden Tag für die Versorgung seiner Schützlinge. Er ist auch für jede fachliche Hilfe dankbar: "Nur zuverlässig müssen die Helfer sein!" Auch die Tierärzte und ihre Mitarbeiter unterstützen ihn, so gut sie können.

Um die Spezialfälle kümmert er sich selbst: Nicht nur die Rehkitze bekommen das Fläschchen, auch ein völlig abgemagerter Wespenbussard wird per Schlauch aufgepäppelt. Die Militärpolizei hat ihn aus dem Übungsplatz nach Kümmersbuch bei Hahnbach gebracht. Weiß hat schon Schwarzstörchen und Haubentauchern wieder auf die Beine geholfen, Kraniche, heilige Ibisse und Kuhreiher gehalten. Auch bei Reptilien macht er gerade seinen Sachkundenachweis. Abzugeben hätte er übrigens Königsnatter und Königspython.

Dauerproblem Igel

Wie viele Tiere bekommt er denn nun pro Jahr? "Jede Menge", meint der Handwerksmeister. Zwischen Februar und August sind es manchmal zehn Anrufe pro Tag. Im Herbst geht es meistens um Igel. Hier hat Weiß seinen eigenen Erfahrungsschatz: "Ein Igel mit 350 Gramm Ende Oktober kommt gut durch den Winter", stellt er sich gängigen Ansichten entgegen. "Der Igel darf nur nicht zu früh aufwachen, dann muss man ihm helfen!" Trocken- oder Katzenfutter seien hier ein probates Mittel. Aber auch sonst kommen jede Menge Patienten herein: Vögel, die gegen eine Glasscheibe oder an ein Auto geprallt sind, verletzte Tiere aus dem Straßengraben, ausgesetzte Exoten, überzählige Hausgenossen jeder Art. Oder von Polizei oder Zoll beschlagnahmte Tiere. Auch die Tierheime bringen öfter neue Insassen vorbei, für die sie nicht eingerichtet sind - ob Marder, Chinchilla, Hase oder Fuchs, alles ist dabei.

Jüngst fand sich sogar eine Königsnatter in der Station wieder, aber auch acht Blaumeisen. Kümmersbuch ist eben Anlaufstation für viele Institutionen oder Privatleute. Aber alles kann auch Hans Weiß nicht aufnehmen: "Oft hilft schon ein klärendes Gespräch am Telefon, dann kommen die Leute auch selber klar mit ihrem Schützling", schildert der 49-Jährige.

Verletzte Wildtiere überleben allerdings zu 70 Prozent nicht, bedauert Weiß, zu schwer seien meist die Beeinträchtigungen. Bei den Jungtieren dagegen liege die Erfolgsquote bei etwa 90 Prozent. Und das ist es, was ihn stets zum Weitermachen bewegt. Seine Familie bietet ihm Rückhalt, die Hilfstätigkeit aufrecht zu erhalten, erzählt er. Aber dann ruft der Esel wieder. Jetzt hat auch er Hunger.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.oberpfalznetz.de/tiere-oberpfalz
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