Pfarrer Martin Valeske und Organist Hanns-Friedrich Kaiser rehabilitieren den Kohlberger ...
Die Wiederauferstehung des Beer-Walbrunn

Organist Hanns-Friedrich Kaiser spielte beim Orgelkonzert in der Sankt-Michaels-Kirche Werke von Bach und Beer-Walbrunn. Bild: Donhauser
Die Beer-Walbrunn-Tage 2014 ließen schon zu Beginn mit dem originell komponierten und grandios musizierten 1. Streichquartett aufhorchen. Den glanzvollen Schlusspunkt setzte in der Michaelskirche die in Bruckner'sche Dimensionen vorstoßende Orgelsonate g-Moll op. 32 von 1906. Wahrscheinlich war dies die erste vollständige Aufführung des Werks überhaupt.

Hommage an Bach

Den Anspruch der Sonate verraten schon die ersten vier Töne des Themas: Sie sind die Mollvariante des Fugenmotivs im 4. Satz der Jupiter-Sinfonie von Mozart. Zugleich erweist Anton Beer-Walbrunn (1864 - 1929) mit der Form der Passacaglia und Fuge dem großen Bach und dessen gleich strukturiertem Werk c-Moll BWV 582 die Reverenz. Mit 17 statt 20 Variationen bleibt er in Respektabstand. Getrennt durch die melodiöse, in klare drei Teile gegliederte Canzona bildet eine Sonata in der Sonate den Schlusssatz. Beer-Walbrunn präsentiert einen Sonatensatz, der Finessen wie ein Fugato und eine Solokadenz bereithält. Als verblüffenden Schlusseffekt zitiert er alle Themen, die sich zum Teil simultan kombinieren lassen. Das 40-minütige Opus ist von motivisch verwandten Genen durchwachsen. Kompositorische Kunst alter Schule!

Orgelliteratur der Jahrhundertwende mit ähnlicher Augenhöhe ist schwer aufzuspüren: Walbrunns Lehrer Rheinberger ist betulicher und gefälliger. Karg-Elert wagt sich selten in derartige kontrapunktische Tiefen wie formale Dimensionen. Die Sinfonien der Franzosen Widor oder Vierne setzen auf Melodie-Dominanz und sind mehr auf pianistisch-virtuosen Effekt bedacht. Reger ist bei den großen Werken harmonisch kühner, emotional aufgeladener. Er sucht extreme Kontraste und Konflikte.

Nun ist höchste Zeit, den souveränen Organisten Hanns-Friedrich Kaiser zu würdigen, der sich zwei Jahre mit der Transkription der Noten und ihrer Erarbeitung auseinander gesetzt hat. Gratulation, die Mühe hat sich gelohnt! Begonnen hatte Kaiser mit der Fuge op. 28/2 von 1905. Sie ist das klassizistisch wohl erzogene Kind neben seiner formal experimentell-frechen Schwester op. 28/1. Jenes verweist auf die Rolle Beer-Walbrunns als hochgeachteter Tonsatz-Professor an der Münchener Hochschule.

Sich selbst treu geblieben

Knapp und informativ war der Vortrag des Musikwissenschaftlers und Pfarrers Martin Valeske über Leben und Werk Beer-Walbrunns. Valeske hat sich großes Verdienst um die Wiederentdeckung des Komponisten angerechnet. Er sprach Gründe an, warum dessen Werke schier vergessen sind: Schon Reger sagte zu ihm: "Du musst Klavier spielen und reisen!" Beer-Walbrunn liebte beides nicht. Er war auch nicht der Netzwerker, der sich den Münchener Künstlerkreisen anbiedern wollte. Revoluzzer wie Schönberg oder Strawinsky lagen ihm fern. Er blieb sich selbst treu, vermied alles Populistische.
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