Pflegekräfte mit viel Herzblut

Iris Engelbrecht-Schärl, Schulleiterin der Berufsfachschule für Altenpflege des Roten Kreuzes, und Ludwig Kreutzer, Leiter des BRK-Senioren- und Pflegeheims in Weiden, äußerten sich im NT-Interview zum Thema Pflege und Pflegekräfte. Bild: Steinbacher

Bis zum Jahr 2030 wird die Zahl der 65-Jährigen und Älteren in Deutschland von derzeit knapp 17 auf über 22 Millionen ansteigen. Trotz des medizinischen Fortschritts ist damit auch ein kräftiger Anstieg der Pflegebedürftigen verbunden. Wer soll diese Menschen pflegen?

Über die Situation in Weiden und Umgebung sprach der "Neue Tag" mit zwei Experten: Iris Engelbrecht-Schärl, Schulleiterin der Berufsfachschule für Altenpflege des Roten Kreuzes, und Ludwig Kreutzer, Leiter des BRK-Senioren-und Pflegeheims in Weiden.

Gibt es derzeit in unserer Region schon einen Mangel an Pflegekräften?

Zum ersten Mal in meiner 32-jährigen Berufszeit gehen die Bewerberzahlen von Jahr zu Jahr zurück. Dabei gelten wir mit unseren 13 Monatsgehältern eher als attraktiver Arbeitgeber. Eine Auswahl unter den Fachkräften ist nicht mehr möglich. Noch müssen aber wegen fehlender Pflegekräfte keine Betten gesperrt werden. Doch in der Zukunft schließe ich dies nicht aus.

Für die dreijährige Berufsausbildung hatten wir noch vor wenigen Jahren rund 60 Bewerber, jetzt sind es allenfalls noch 40. Vor der Umstellung auf die dreijährige Berufsausbildung waren es sogar 80 Interessenten. Leider werden oft nach erfolgreicher Ausbildung die Fachkräfte in den stationären Einrichtungen von ambulanten Diensten abgeworben.

Sind die Ursachen für den Bewerberrückgang eher demografisch bedingt oder liegt es eher an der mangelnden Attraktivität des Berufes in der Altenpflege?

Zweifellos genießt eine Ausbildung bei der Sparkasse das höhere Ansehen. Und leider wird in den Medien sehr viel Negatives über die Altenpflege berichtet. Mir wäre es lieber, wenn mehr über die besonderen Leistungen der Pflegekräfte berichtet würde. Wenn nicht alle mit so viel Herzblut dabei wären, würde in den Heimen ein weniger positives Klima herrschen.

Dass man im Pflegeberuf viel Sinnfindung für sich selbst bekommt, wird leider selten dargestellt. Wir haben einfach zu wenig Lobby. Vielleicht ist es auch ein allgemeines gesellschaftliches Phänomen, dass Menschen weniger belastungsfähig sind und deshalb Berufe meiden, die auch belastend sein können. Manche junge Menschen wollen auch nicht mehr ein Leben lang ein und denselben Beruf ausüben oder suchen weitere Aufstiegsmöglichkeiten nach der Ausbildung.

Vielfach waren Klagen zu hören, dass alte Menschen in den Heimen vernachlässigt würden. Wie ist die Situation aus Ihrer Sicht?

Da wird vieles falsch dargestellt. Alle müssen den Pflegeschlüssel einhalten. Dafür sorgen schon der Medizinische Dienst der Krankenkassen und die Heimaufsicht. Aber ich halte diesen Schlüssel für zu niedrig. Die Aktion "Redudoc - Wege aus dem bürokratischen Dilemma" soll die derzeitig rund 50 Prozent Dokumentationsaufwand in der Pflege abbauen. Dann müsste sich auch ein Zeitgewinn für die Arbeit am Menschen ergeben.

Oftmals wird über eine schlechte Bezahlung der Pflegekräfte geklagt?

Die Bezahlung ist besser, als vielfach dargestellt. Mit Zulagen für Schicht- oder Nachtdienst kommen bei den Fachkräften meist monatlich 2500 Euro Einstiegsgehalt zusammen, bei Helfern 400 bis 500 Euro weniger. Und die Auszubildendenvergütung liegt ziemlich weit oben in der Skala.

Was könnte getan werden, um den Pflegeberuf attraktiver zu machen?

Ganz wichtig ist die Wertschätzung für das Personal, beim Arbeitgeber und in der Öffentlichkeit. Positive Rückmeldungen, Lernentwicklungs-und Erfolgsgespräche auf Arbeitgeberseite gehören unbedingt dazu. Unser Mentorenmodell verstärkt auch das Sicherheitsgefühl beim Berufsanfänger. Übrigens sind Pflegekräfte aus dem Ausland in unserer Region noch kein Thema.

Die familiengerechte Arbeitszeitgestaltung halte ich für wichtig. Da sollte zum Beispiel der Schichtdienst die Kinderbetreuung ermöglichen. Kindergärten oder Horte sollten auch mehr Randzeiten abdecken. Unter unseren Auszubildenden haben wir Mütter und Väter, auch Alleinerziehende. Diese brauchen stets ein extrem gutes soziales Netzwerk, um den Arbeitszeiten im Pflegeberuf gerecht zu werden.

Der Blick in die Zukunft: Wie sieht es im Pflegebereich 2025 aus?

Ich denke, die Heime werden weiter wachsen. Mehr Demenzkranke und mehr stationäre Pflege sind damit verbunden. Vielleicht gibt es neue Betreuungsformen, aber generell wird sich der Trend verstärken, dass sich die Kinder weniger um ihre Eltern kümmern, ganz einfach, weil sie oft gar nicht mehr vor Ort sind.
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