Plötzlich blind und gehbehindert

Hier (nicht) sichtbar: Im Dunkelcafé.

Es ist stockdunkel. Die Schüler müssen ihren Weg ertasten. Das könnte ein Tisch sein. Er fühlt sich aber glitschig an. Darauf liegt etwas Stacheliges. Villeicht eine Zahnbürste. Daneben ein Schnuller. Nein, doch nicht. Es ist eine Quietsch-Ente. Echte Blinde stellen sich bei der Morgentoilette nicht so doof an..

Wie leben behinderte Menschen? Viele können sich das nicht vorstellen. Das Jugendzentrum (Juz) bietet einen Raum, in dem jeder erfahren kann, wie es ist, gehbehindert oder blind zu sein.

Im Dunkelcafé ertasten die Schülerinnen der Sophie-Scholl-Realschule ihren Weg durch den Alltag von blinden Menschen. Die Schüler der Fachoberschule (FOS) im sozialen Zweig führen sie durch das Dunkellabyrinth. Das Team hat gut gearbeitet, kein Schimmer Licht ist zu sehen.

Es geht vom selbst gebauten Badezimmer, über eine kleine Brücke in die Küche. Da gilt es, Reis zu ertasten und eine Pfanne, die zum Glück nicht heiß ist. Ein Mädchen ruft: "Das ist wie im Traum!" Bei jedem alltäglichen, neu ertasteten Gegenstand schallt lautes Kreischen und Lachen durch den dunklen Raum.

In einer Art Polonaise bewegt sich die Gruppe vorwärts. Jede hat die Hand auf der Schulter der Vorderfrau. Am Ende gibt es noch Essen und Trinken. "Mhm, schmeckt viel intensiver, wenn man nichts sieht", tönt es von irgendwoher. Dann endlich wieder Licht: Die Mädchen reiben ihre Augen, seufzen erleichtert.

Im Reflexionsgespräch mit den FOS-Schülern erzählen sie von ihren Eindrücken. "Lustig und furchterregend" ist der Kanon dieser Selbsterfahrung. Riesengroß und total verwinkelt hätten sie den kleinen Raum wahrgenommen. Auch das Zeitgefühl war durcheinander, 30 Minuten hätten wie fünf Stunden gewirkt. "Mein Bewusstsein ist wirklich kurz mal durcheinander gekommen", sagt Alina Novakovski (13).

Steiler als gedacht

Das Kooperationsprojekt des Stadtjugendrings Weiden mit der AG Offene Behindertenarbeit will jungen Menschen die Bedürfnisse und alltäglichen Probleme von behinderten Menschen näher bringen. Das Selbsterfahrungsprojekt "SENS(E)-ibilisierung" bietet neben dem Dunkelcafé auch noch die Erfahrung einer Gehbehinderung. Die Führung und Reflexion machen die vorher geschulten FOS-Schüler. Ihnen gegenüber sollen sich die Schüler leichter öffnen.

Und tatsächlich schäumen die Schülerinnen auch beim Rollstuhlparcours über vor neuen Eindrücken. Sie sollen selbstständig Slalom fahren und über eine kleine Rampe rollen. Was sie als Fußgänger gar nicht wahrnehmen, stellt die Mädchen im Rollstuhl vor fast unüberwindbare Probleme. Eine leichte Steigung wird zum Berg. Im nächsten Schritt sollen sie sich von einer Mitschülerin über einen Parcours fahren lassen. Viel Vertrauen ist notwendig, wenn der Rollstuhl beim Passieren einer niedrigen Leiste nach hinten gekippt wird. Anstrengend sei das gewesen, stöhnt Gabriela Frank (12): "Es ist erstaunlich, dass behinderte Menschen jeden Tag Dinge bewältigen, die für uns so leicht sind. Ich finde das bewundernswert."

300 Kinder aus Weidener Schulen können an dem einwöchigen Projekt teilnehmen. "Am zweiten Tag waren wir bereits ausgebucht und mussten vielen Schulen absagen", sagt Theresa Sowa vom Juz-Team.
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