Polizeihauptkommissar Heribert Seidl über häusliche Gewalt
"Geprügelt wird das ganze Jahr"

Polizeihauptkommissar Heribert Seidl: "Ich bin wahnsinnig gern Polizist. Ich helfe gern jeder Frau. Aber ich kann mir den Haxen ausreißen, wenn sie"s dann nicht durchzieht."

Die Festtage können Polizeihauptkommissar Heribert Seidl nicht schrecken. "Ehrlich gesagt: Geprügelt wird das ganze Jahr." Er ist bei der Polizei der Beauftragte für häusliche Gewalt. Seine väterliche Art macht ihn zum "Mann, dem die Frauen vertrauen". "Zu mir kann jede kommen und braucht keine Angst zu haben."

Seidl ist seit 2008 immer dann zuständig, wenn Männer ihre Frauen schlagen (nur äußerst selten ist es andersrum). In diesen sechs Jahren hat er 1850 Anzeigen aufgenommen. Raten Sie mal, wie viele Frauen am Ende ihren Partner wirklich verlassen haben? "15", sagt Seidl. "Wenn's hoch kommt."

Der Großteil der Geschlagenen geht zurück "und lässt sich wieder prügeln." Der Polizeihauptkommissar will das nicht beurteilen. "Das ist ein Phänomen, über das sich schon G'scheitere den Kopf zerbrochen haben."

178 SMS vom Ex

Seidl ist seit 43 Jahren bei der Polizei, seit fast auf den Tag genau 40 Jahren in Weiden. Einige Dinge haben sich in dieser Zeit geändert: Es geht härter zur Sache. Vorbilder fänden sich in brutalen Filmen mit glorreichen Helden: "Dann werfen sich die Kerle zum Alkohol noch was ein und bilden sich ein, das ist jetzt die Wahrheit." Und es gibt Handy und Internet. "Alles geht ein wenig schneller." Das Kennenlernen, das Ermitteln des Wohnorts, das Stalken. Kürzlich saß vor Seidl eine Frau, die 178 SMS von ihrem Ex auf dem Handy hatte. Der Inhalt: "unterste Schublade."

Montagmorgen. Auf Seidls Tisch stapeln sich die roten Aktendeckel, die ihm die Streifenkollegen vom Wochenende hinterlassen haben. Vier Anzeigen in Sachen häuslicher Gewalt. Durchschnitt. Zwei sind schon zurückgezogen: kein weiteres Interesse an einer Strafverfolgung. Die Dritte wackelt. Die Polizei war gerufen worden, weil ein Weidener seine Ex-Freundin in deren Wohnung verprügelte. Der Beschuldigte wurde aus der Wohnung entfernt.

Heribert Seidl geht den Bericht der Kollegen durch. Blaue Flecken. Die Frau will nicht zum Arzt, auch nicht zur Polizei. Vielleicht später. "Ich bin wahnsinnig gern Polizist", sagt Seidl. "Ich helfe gern jeder. Aber ich kann mir den Haxen ausreißen, wenn sie's dann nicht durchzieht."

Alkohol ein Kernproblem

"Dieser verdammte Alkohol" ist aus seiner Sicht der Quell vielen Übels. Die Polizei hatte einen Einsatz bei einem Paar: Der handgreiflich gewordene Mann hatte 3,96 Promille. Und seine Frau 3,84 Promille. Wieder nüchtern bestand von Seiten der Frau dann "kein Interesse" an einer weiteren Strafverfolgung. Seidl verzichtet dann auf die übliche Beschuldigtenvernehmung. Die Anzeige muss er trotzdem an die Staatsanwaltschaft weitergeben. Nur Staatsanwälte dürfen Verfahren wegen Körperverletzung einstellen. Häufig ist es nicht nur der Mann, der zur Flasche greift. "Alkohol bei Hausfrauen wird völlig unterschätzt", ist Seidls Eindruck.

Über die Jahre ist die "Kundschaft" des Hauptkommissars internationaler geworden. Auch Türkinnen fragen um Rat, Russinnen wenden sich an ihn. "Diese Frauen trauen sich jetzt auch mehr zur Polizei gehen als früher." Zentrale Frage: Was kann ich machen? Seidl kann konkrete Maßnahmen anbieten. Er kann den Delinquenten mit einem Kontaktverbot belegen, gültig für zehn Tage.

"In der Zeit hat die Frau Zeit, aufs Gericht zu gehen." Dort ist die Verhängung eines generellen Kontakt- und Annäherungsverbotes möglich. Seidl vermittelt auch Plätze im Frauenhaus.

Bei manchen Beschuldigten fruchten die so genannten "Gefährderansprachen". Dabei redet der Polizist den Männern ins Gewissen: "Ich kläre auf, was auf sie zukommt, wenn sie das wieder tun."

Geschenke hingefahren

Der Umstand, dass auch er ein Mann ist, ist im Übrigen für die Frauen, die zu ihm kommen, kein Problem. Auch, wenn's ans Eingemachte geht und Details auf den Tisch müssen. "Mir kann man alles anvertrauen, ich bin 40 Jahre bei der Polizei, 35 Jahre im Nachtdienst, da hat man alles gesehen." Der Schritt von häuslicher Gewalt zur Vergewaltigung ist oft nur ein kleiner.

Mit einer Zeugin hatte Heribert Seidl schon fünf Seiten Vernehmungsprotokoll gefüllt, als sie am Ende "in den letzten drei Zeilen" den erzwungenen Sex schilderte. Dann übernimmt die Kripo.

Über 240 Anzeigen sind in diesem Jahr bis dato aufgelaufen. Macht pro Woche über vier Fälle, in denen in Weidener Wohnungen derart die Fetzen fliegen, das die Polizei eingreifen muss. Für eine kleine Weihnachtsgeschichte hat Seidl selbst vor ein paar Jahren gesorgt.

Bei einer Familie, in der sich die Eltern an Heiligabend zofften und darüber die Vorbereitungen vergaßen, fuhr Seidl noch mal in die Wohnung: mit einem Christbäumchen und kleinen Geschenken. "Kinder tun mir immer leid."
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