Prozess gegen 21-jährige Mutter wegen Totschlags: Familie und Kollegen im Zeugenstand
Sehenden Auges in Katastrophe

(ca) Eine 21-Jährige bekommt auf der Kundentoilette eines Supermarktes in Neustadt/WN ein voll entwickeltes Baby, 51 Zentimeter, 2630 Gramm. Am Samstagvormittag, 25. April, an dem der Markt sehr gut frequentiert war. Mit blutverschmierter Hose fährt sie mit ihrer Familie danach nach Hause. Das Neugeborene wird zwei Tage später im Müllcontainer gefunden: Verpackt in zwei verknoteten blauen Säcken, erstickt mit einem Knebel aus Papierhandtüchern. Und niemand will etwas bemerkt haben?

Die Schwurgerichtskammer am Landgericht Weiden hörte am Donnerstag dazu zwölf Zeugen: Verwandte oder Kollegen, manche waren beides zugleich. Das Fazit: Alle haben geahnt, dass die Story von der Zyste erfunden war, welche die 21-Jährige besorgten Fragestellern auftischte. Beinahe alle vermuteten eine Schwangerschaft. Es wäre nicht die erste gewesen, die sie vertuschte: Die 21-Jährige hat schon zwei Kinder (2 und 4). Von der zweiten Schwangerschaft wusste nur der Onkel. Der Rest erfuhr im Kreißsaal vom Nachwuchs.

Warum es alle ahnten und doch keiner hartnäckig nachhakte, dafür gibt es vielfältige Erklärungen. Die weitschichtigen Angehörigen - beispielsweise eine Cousine - wollten nicht indiskret sein. "Ich dachte, sie kommt schon, wenn was ist." Die nahen Verwandten - wie der allein erziehende Vater, bei dem sie lebte - versagten genauso. Der leicht aufbrausende Baggerfahrer war sauer, weil er nicht mit der Wahrheit bedient wurde. Auch, als er auf dem Heimweg nach der Ursache der blutverschmierten Hose fragte und keine Antwort bekam: "Da dachte ich mir: Wenn keiner sagt, was los ist, können mir alle auf den Buckel steigen."

Umso rührender kümmerte sich sein Bruder, der vertrauenswürdige Onkel, den die junge Frau mittags um Hilfe anrief. Sie klagte über Schmerzen und Blutungen. Der Onkel begleitete sie ins Klinikum. Er dachte, die Geburt stünde unmittelbar bevor und wartete vor dem Kreißsaal. Als die 21-Jährige ohne Baby auf die Station kam, zog er die falschen Schlüsse: Er dachte an eine Adoption. Für ihn lag das nahe, weil die Oma der Angeklagten wenige Tage davor einen Flyer über "anonyme Geburt" im Haus entdeckt hatte.

Etwa zur gleichen Zeit wurde das Baby in den Container des Supermarkts geworfen. Die Verkäuferin, die um 13 Uhr ihre Schicht antrat, ahnte nichts, als sie den Müllbeutel auswechselte. Ob ihr das Gewicht nicht auffiel, fragt Staatsanwalt Rainer Lehner. "Nein. Es gibt Kunden, die ihren Hausmüll reinwerfen. Ich schau' da nicht rein." Die Toilette war schon um 12.30 Uhr von einer anderen Verkäuferin geputzt worden, nachdem sich Kunden über den Zustand beschwerten. "Auf der WC-Schüssel war viel Blut, an der Wand, an den Fliesen, unterm Waschbecken. Das habe ich weggeputzt."

Drastischer beschreibt eine Kundin den Waschraum: "Ich bin da nur rein, weil ich unbedingt musste. Da war alles voller Blutspritzer." Der Papierhalter war leer. Der Müllbehälter dafür "platt voll" mit teils blutigen Einweghandtüchern. "Ich hab' g'schaut, dass i da wieder assi kumm." Sie war eine Armlänge entfernt von dem toten Baby. Laut Gutachter tritt bei einem Verschluss der Atemwege nach 30 Sekunden Bewusstlosigkeit und nach 3 Minuten der Gehirntod ein.
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