Prozess gegen Kindsmutter (21): Psychiater legt Gutachten vor
Bis zuletzt Widersprüche

Professor Michael Osterheider war sich sicher: Hätte sich jemand bemüht, wäre es in der Schwangerschaft durchaus möglich gewesen, Zugang zur Angeklagten zu finden. "Die Vertrauenspersonen haben versagt." Bild: bgm
(ca) Der psychiatrische Gutachter im Prozess gegen die 21-jährige Steffi D. schließt eine verminderte Schuldfähigkeit nicht aus. Wenn das Gericht dieser Einschätzung folgt, wäre eine Strafmilderung möglich. Der Strafrahmen liegt bei Totschlag bei 5 bis 15 Jahren, im minderschweren Fall bei 1 bis 10. Allerdings hat die Strafkammer in den bisherigen Verhandlungstagen auf das strukturierte Handeln der Kindsmutter nach der Geburt hingewiesen. So holte sie beispielsweise noch einen zweiten Müllsack von der Kasse.

Das Gutachten von Dr. Michael Osterheider, Professor für forensische Psychiatrie an der Universität Regensburg, hätte stellenweise genauso gut auf Chinesisch erfolgen können. Es war nicht immer nachvollziehbar. So hielt es der Professor wörtlich "für nicht ausschließbar, dass zum Tatzeitpunkt die Steuerungsfähigkeit der Angeklagten passager eingeschränkt gewesen sein könnte." Frei übersetzt: Der Gutachter hält bei Steffi D. eine verminderte Schuldfähigkeit für möglich. Gleichzeitig sah der Psychiater aber die "Eingangsmerkmale" für den strafmildernden Paragraphen 21 nicht erfüllt. Konkret erkannte Osterheider bei der 21-Jährigen Hinweise auf eine "dissoziative Störung", die zu nicht adäquatem Handeln bei extremer Belastung führen könnte. Die Frage von Verteidiger Christoph Scharf, ob das bei Steffi eine partielle Amnesie für das Geschehen in der Toilette ausgelöst haben könnte, verneinte der Gutachter aber. Die Frau streitet die Tötung hartnäckig ab.

Osterheider hat die Angeklagte in der Haft zwei Mal untersucht und erlebte eine "psychisch sehr belastete junge Frau", auch zerrissen durch widersprüchliche Meinungen in der Familie. Der Familie gibt er eine Teilschuld: "Die Vertrauenpersonen, die Verantwortung hätten übernehmen können, haben versagt." Widersprüchlich ist auch die 21-Jährige selbst: Zum einen beschrieb sie dem Professor ihre "riesige" Freude über den "Prinzen oder die Prinzessin" in ihrem Bauch. Sie hätte auch schon Namen gehabt: Timmy oder Romina.

Dazu passt nicht, was der Ermittlungsleiter der Kripo berichtete. Er las die ersten SMS vor, welche die Angeklagte keine zwei Stunden nach der Tat aus dem Krankenhaus absetzte. Den Kindsvater informierte sie, dass sie das Kind verloren habe. Ihre Mutter bat sie, sie am Montag krank zu melden wegen ihrer "geplatzten Zyste". Und einem Kumpel schrieb sie: "Frühlingsfest kann ich vergessen, bin im Krankenhaus."
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