Prozess wegen Freiheitsberaubung: Psychiater empfiehlt Unterbringung in psychiatrischem ...
"Gefährdung für die Allgemeinheit"

Symbolbild: dpa
Nach seiner Ansicht liegt verminderte Schuldfähigkeit vor, wenn nicht gar vollständige Schuldunfähigkeit. Das würde einen Freispruch nach sich ziehen. Im gleichen Zug empfahl er die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus, da ein "erhebliches Gefährlichkeitspotenzial für die Allgemeinheit" bestehe.

Der 29-Jährige leide an einer schwerwiegenden Persönlichkeitsstörung. Zusätzlich schloss der Psychiater auf eine "psychotische Episode" während der Tatzeit, ausgelöst durch Drogen. Wie ein Haartest ergab, konsumierte der Angeklagte zu der Zeit Cannabis und Crystal. Diese Kombi müsse man sich vorstellen, wie Vollgas und Vollbremsung im Wechsel: "Da weiß die Neurosynapse nicht mehr, was sie machen soll." Die Reaktion auf Drogen sei sehr individuell: "Es liegt in den Genen. Es gibt Leute, die können ihr Leben lang Joints rauchen, bis sie umfallen. Die anderen rauchen einen einzigen und bekommen eine Psychose." Beim Angeklagten habe sich die Störung in Wahnvorstellungen und Halluzinationen geäußert - immer vorausgesetzt, die Zeugenaussagen stimmten.

Vor Toilettentür gewartet

Die Schilderungen einer Zeugin passten zum Bild des Psychiaters. Sie hatte regelmäßig ihre Abende bei der Geschädigten verbracht. Ab Oktober 2013 lebte der Angeklagte mit im Haushalt. "Er war immer da. Er saß immer daneben. Er hat sie auf Schritt und Tritt beobachtet." Wenn die Geschädigte zur Toilette ging, habe er vor der Tür gewartet und sie danach durchsucht. "Er hat gedacht, ich hätte ein Handy im Bad versteckt." Als ein Auto vor dem Haus hupte, habe er darin ein Zeichen für eine Verabredung vermutet. Er habe Lichtzeichen gesehen, die sonst keiner sah und glaubte an Signale des Nachbarn.

Der Psychiater bezeichnet das beschriebene Verhalten als "ganz typisch", gerade die Lichtzeichen: "Das ist so bizarr, das kann man nicht erfinden." Für ihn ist sicher: "Irgendjemand in diesem Verfahren hat diese Symptome gehabt." Die Wahrheitsfindung obliege dem Gericht: "Ich bin froh, nicht da oben zu sitzen."

Der Kripobeamte hatte in seinem Bericht seine Schlüsse schon gezogen: "Der Beschuldigte ist besessen von der Geschädigten und betrachtet sie als sein Eigentum." Wahlverteidiger Richard Müller kritisierte dies als "einseitig". Vorsitzender Richter Walter Leupold sah das anders: "Ein Polizist hat das Recht, einen eigenen Standpunkt einzunehmen.

Die Persönlichkeitsstörung sah der Psychiater schon in der Kindheit. Der Angeklagte konnte nicht beschult werden. Nach etlichen disziplinarischen Maßnahmen musste er nach der 8. Klasse abgehen. Mit 16 trat er erstmals vor den Kadi, saß mehrfach wegen gefährlicher Körperverletzung. Er stach einem Kontrahenten ein Messer in den Rücken. Kaum entlassen, folgte das nächste Delikt. Er griff einen Polizisten mit einer abgebrochenen Flasche an. "Auf juristischer Ebene ist er nicht belehrbar."

Familie nicht zimperlich

In seiner Familie ist keiner zimperlich. Der Vater selbst erlitt vor einigen Jahren einen Durchschuss von einem Nebenbuhler. Er habe die vier Söhne oft geschlagen, um sich durchzusetzen. Mindestens drei waren schon in Haft. Anti-Aggressions-Projekte blieben beim Angeklagten ohne Effekt: "Wenn jemand so frühzeitig von Gewalterfahrungen in der Familie geprägt ist, weiß man statistisch, dass ein ambulantes Antigewalttraining vergebene Liebesmüh ist."
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