Psychiatrischer Gutachter attestiert volle Schuldfähigkeit
Im HPZ am falschen Ort

Symbolbild: dpa

Wie kommt ein normal intelligenter junger Mann in eine Behinderteneinrichtung? Der psychiatrische Gutachter Dr. Dietmar Wirtz attestiert dem Angeklagten einen IQ von 84, zwar unterer Durchschnitt, aber nicht minderbegabt. Außer ADHS findet sich nicht recht was. Der 22-Jährige sei "psychopathologisch unauffällig" und voll schuldfähig.

(ca) Damit geht der 22-Jährige für fünf Jahre ins Gefängnis. Das "letzte Wort" des blassen jungen Mannes: "Ich weiß, was ich gemacht habe, war nicht okay. Ich werde dafür gerade stehen." Er steht gerade für eine von vermutlich mehreren Vergewaltigungen einer Mitbewohnerin des Heilpädagogischen Zentrums Irchenrieth. Zwölf Mal hatten die Pflegekräfte im Pflegeheim zwischen Mai und Oktober 2014 nach der Nachtschicht Blutungen bei der schwerst geistig Behinderten dokumentiert, sagt der Sachbearbeiter der Kripo.

Parallel beobachtete die Heilerziehungspflegerin eine massive Verhaltensänderung. Die 54-Jährige wurde schreckhaft und ängstlich, musste bei Spaziergängen am Gruppenhaus (wo der Angeklagte lebte) regelrecht vorbeigezogen werden. Bei einem Urologentermin sträubte sie sich mit ungekannter Kraft gegen eine harmlose Ultraschall-Untersuchung der Nieren - bis weibliche Mitarbeiterinnen übernahmen. "Da haben wir erkannt: Sie reagiert auf Männer." Der Pflegedienstleiter installierte eine versteckte Kamera "und schon in der ersten Nacht wurden wir fündig".

Der Grund, warum der gebürtige Franke überhaupt im HPZ gelandet ist, ist in seinem Elternhaus zu suchen, das völlig versagt hat. "Komplette Fehlanzeige", formuliert es Verteidiger Tobias Konze. "Das HPZ war die Notlösung, weil er nicht daheim bleiben konnte."

Aus der Krankenakte sticht allenfalls eine "Absencenepilepsie" in der Kindheit hervor. Dabei sind Patienten oft einige Sekunden kurz weggetreten. "Das wird oft fehlinterpretiert", erklärt der Psychiater. Statt mit spezieller Förderung wuchs das Kind in Heimen und später bei der alkoholkranken Mutter und ihren wechselnden gewalttätigen Lebenspartnern auf. Der Angeklagte kann sich nicht einmal an Weihnachtsfeiern oder Geburtstage erinnern: "Meistens war da eh keiner da, der ihm gratuliert habe, daher war das für ihn nie ein besonderer Tag."

Nur raus aus der Familie

Als es wieder Ärger mit dem Stiefvater in Weiden gab, wurde der Sohn mit 18 im HPZ einquartiert. "Das war wohl schlicht die einzige Möglichkeit, ihn schnell aus der Familie zu kriegen", vermutet Dr. Wirtz. Das HPZ war "nicht die passende Wohnform". Aber zumindest machte der Angeklagte dort eine Art Lehre zum Gärtner. "Aus den wenigen Chancen, die ihm gelassen wurden, hat er das beste gemacht", anerkennt Leupold. Im HPZ hatte er "viele Freiheiten", wie eine Pflegerin berichtet. Er plauderte beim Rauchen mit den Mitarbeitern, saß am Internet-Terminal und suchte nach Kontakten. Nachts tauchte er oft unvermittelt auf, manche erschreckte das. "Er trägt ja immer so schwarze Klamotten." Auch vor Gericht. "Gothic Szene mit einem Hang zum Morbiden", erklärt der Psychiater. "Da bewegen sich oft Menschen, die entwurzelt sind."

Am Ende schont Vorsitzender Leupold den Angeklagten nicht: "Er hat sich ein Opfer gesucht, das sich kaum wehren konnte, das ihn nicht verpfeifen konnte, das hilflos war."
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