Psychologin testet "Mallorca-Millionär"- Prozess gegen Wolfgang S. geht auf die Zielgerade
"Pseudologia Phantastica"

Der Prozess gegen "Mallorca-Millionär" Wolfgang S. geht auf die Zielgerade. Am Mittwoch, 11. Februar, steht das entscheidende Gutachten von Dr. Johannes Schwerdtner an. Vom Psychiater erwartet sich die 1. Große Strafkammer eine Antwort auf die Frage: Ist der Angeklagte schuldfähig? Haft oder Psychiatrie?

Einen Vorgeschmack auf das Gutachten gab es am Mittwoch, dem 36. Prozesstag. Von Anzeichen für "Pseudologia Phantastica" und einer "narzisstischen Persönlichkeitsstörung" sprach eine Psychologin aus der Bezirksklinik Mainkofen. Sie hat für Chefarzt Schwerdtner einige Persönlichkeitstests durchgeführt. An eineinhalb Tagen hatte sie in der JVA Weiden das Vergnügen mit dem Angeklagten. Sie stellte sogar dabei "Tendenzen fest, sich manipulativ zu verhalten". Konkret wollte Wolfgang S. auf dem Test-Laptop seine E-Mails abrufen. Verärgerung beim Angeklagten: "Das war doch nur ein Joke!"

Der 68-Jährige ist am Mittwoch ohnehin merklich sauer. Zufrieden kann er nur mit dem ermittelten Intelligenzquotienten sein, der mit 111 über dem Durchschnitt von 100 liegt, sein Handlungs-IQ ist mit 124 sogar überdurchschnittlich. Aber der Rest? Auf einer Psychopathie-Checkliste meldet die Psychologin auffällige Werte im Bereich "affektiv-interpersonell": Ein Häkchen gab sie Wolfgang S. etwa bei den Unterpunkten "sprachgewandter Blender mit oberflächlichem Charme", "erheblich übersteigertes Selbstwertgefühl", "pathologisches Lügen", "betrügerisch-manipulatives Verhalten", "Mangel an Mitgefühl" und "Mangel, Verantwortung zu übernehmen".

Die Psychologin sieht Anhaltspunkte, die für eine Pseudologia Phantastica sprechen: krankhaftes Lügen ohne Schuldbewusstsein. Darauf weise hin, dass der Angeklagte "seine Lügengeschichten sehr ausgestaltet" und mit großer Selbstüberzeugung vortrage. Bei Nachfragen habe sie dagegen oft nur ausweichende Antworten erhalten. Allgemein antwortete Wolfgang S. so wortreich, dass man oft vom Thema abgekommen sei und die Eingangsfrage erneut gestellt werden musste.

"Charakteristisch für krankhafte Lügner sind ausgeprägte schauspielerische Fähigkeiten und ein sympathisch-gewinnendes Auftreten", beschreibt die Psychologin das Phänomen. Der Angeklagte habe ihr von Treffen mit berühmten Persönlichkeiten berichtet, etwa Fidel Castro.

Von Pseudologen würden Geschichten erzählt, die unwahrscheinlich klingen, aber oft einen wahren Kern enthalten. Dabei entwickle sich eine Eigendynamik. Betroffene steigern sich so in ihre Lügengebäude hinein, dass sie am Ende selbst daran glauben. "Kann man das dann noch als Lügen bezeichnen? Ist das aus seiner Sicht nicht die Wahrheit?", fragt Verteidiger Helmut Miek. Die Psychologin räumt ein: "Die Grenze zwischen Lügen und empfundener Wahrheit verschwimmt."

Vorsitzender Richter Walter Leupold geht noch einen Schritt weiter: "Passt dazu auch, dass ich mir selbst Bestätigungen schreibe, um meine Geschichte zu untermauern? Dass ich selbst glaube, dass James Aramanda und die Federal Reserve geschrieben hat, obwohl ich's auf meinem eigenen Computer gemacht habe?" Die Psychologin hält das für möglich. Gefälschte Untermauerungs-Schreiben seien auch bei anderen Pseudologen festgestellt worden. Die Grenze zum Wahn liege in der Fähigkeit zur Selbsterkenntnis. "Der Wahnerkrankte kann die Wahrheit nie erkennen. Der Pseudologe schon. Aber erst, wenn er muss."

Am 11. Februar wird am Nachmittag endlich auch der Kripobeamte vernommen, der den 68-Jährigen im April 2014 dingfest gemacht hatte.
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