"Rio 2": Noch eine Haftstrafe

So einen Angeklagten erlebt das Gericht auch eher selten. "Ich ärgere mich, dass mein Selbstregulierungsmechanismus nicht so weit gegriffen hat, als dass ich adäquat mit den Polizisten hätte diskutieren können." Stattdessen wälzte sich der 37-Jährige im Februar 2014 im "Rio-Raum" mit einem Polizisten auf dem Boden.

Weiden. (ca) Der in einem Sozialberuf tätige, ehemalige Kepler-Gymnasiast kassiert dafür am Mittwoch wegen Körperverletzung und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte ein Jahr Haft auf Bewährung plus 1500 Euro Geldauflage. Dem Vorsitzenden des Schöffengerichts, Gerhard Heindl, ist der baumlange, redegewandte Angeklagte "ein Rätsel": "Dass man so ausrasten kann, wo man doch ein völlig eingeordnetes Leben führt." Der 37-Jährige ist zweifach vorbestraft: 2009 biss er bei einer Sitzblockade gegen einen Nazi-Umzug in der Frauenrichter Straße einen Polizisten in den behandschuhten Daumen, 2013 gab er einem Türsteher eins auf die Nase.

"Kampfhandlungen"

Als die Party im "Rio-Raum" eskalierte, war er der Mann, an dem sich der Polizeieinsatz überhaupt entzündete. Nachbarn hatten gegen 2 Uhr die Polizei geholt, wegen des Lärms und weil der Angeklagte handgreiflich geworden sei. Als die Beamten ihn zur Kontrolle nach draußen baten, sprang der 37-Jährige auf, lief auf einen Polizisten zu und schrie sinngemäß: "Raus! Das ist privat!" Soweit von allen Seiten unbestritten. Dabei hatte der schlanke 1,85-Meter-Mann ein Bier in der Hand (und sieben intus). Laut Polizisten holte er mit dieser Flasche so aus, dass das Bier nach hinten auf einen Ofen spritzte.

"Mir war klar, dass der angreifen würde", meinte der Beamte und griff zu einer speziellen Technik, um den Angreifer "möglichst schonend" zu Boden zu bringen. Er packte den Angeklagten mit beiden Händen im Nacken und zog dessen Kopf herunter. Eigentlich ist das Ganze so gedacht, dass zeitgleich ein Kollege die Füße wegzieht. Dazu kam es nicht. Fatalerweise knickte der 35-Jährige um ("ich denke, dass er mir auf den Fuß trat") und brach sich das Sprunggelenk. Beide stürzten zu Boden.

Anfangs hielt der Polizist die Umklammerung aufrecht. Als er losließ, hagelte es Schläge und Tritte. "Ich kann nicht zuordnen, von wem." Er habe versucht, seinen Kopf zu schützen. Um ihn herum tobten "Kampfhandlungen". Der Haupttäter ist bereits zu vier Jahren abgeurteilt worden, weil er einen anderen Polizisten mit einem Stuhl verprügelte.

In diesem ganzen Chaos gelang es den Kollegen, den schwerverletzten 35-Jährigen aus dem Raum zu ziehen. Er war drei Monate dienstunfähig. Außer dem Bruch hatte er eine Gehirnerschütterung und Prellungen erlitten. Auch die Verletzungen des Angeklagten waren laut rechtsmedizinischem Gutachten nicht ohne: Schultern, Flanken und Arme schillerten violett, braun und grün.

"Mir tut das total leid, dass diese Situation dieses Ausmaß angenommen hat", sagt der Angeklagte. Er sehe ein, dass "sich die Polizisten durch mein Aufgebrachtsein angegriffen fühlten". Nach einem Rechtsgespräch verzichtet Staatsanwalt Oliver Schmidt auf den Anklagepunkt der versuchten gefährlichen Körperverletzung mit der Flasche: "Das kann nicht nachgewiesen werden." Er fordert 1 Jahr und 2 Monate. Rechtsanwältin Dr. Anna Luczak will "nichts kleinreden", führt aber an, dass Alkohol und der Ärger mit den Nachbarn eine Rolle spielten: "Er hat nicht so gehandelt, wie er üblicherweise handeln würde." Richter Heindl sieht auf Seiten des Polizisten eine "vollkommen berechtigte" Diensthandlung, auch wenn für ihn "allein das Zurückziehen der Flasche noch kein Ansetzen zum Schlag" war.
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