Schilddrüsen-OP in Cafeteria

Während der Patient bei einer OP zwangsläufig die Beine hochlegt, rotiert das Klinikumspersonal um Chefarzt Prof. Karl-Heinz Dietl, um die vielen Qualitätsstandards einzuhalten, die bei einem solchen Eingriff an der Schilddrüse zu erfüllen sind. Auch nach der OP geht die Qualitätsbewertung weiter. Dann wird der Eingriff an sich unter die Lupe genommen. Bilder: mte (2)

Ein wenig Desinfektionsmittel hier, ein bisschen Plastikhandschuhe dort: Wer denkt, dass das alles ist, was in der Kliniken Nordoberpfalz AG in Sachen Qualität und Patientensicherheit getan wird, irrt. Das zeigt ein Infotag, bei dem der Chefarzt flugs eine Schilddrüse operiert und die Reinigungsleiterin das Geheimnis des Vier-Eimer-Systems offenbart.

Die Schilddrüsenoperation naht. Deshalb beugt sich die Schwester am OP-Tag im grünen Schutzkleid mit ihrem Klemmbrett über den Patienten im Krankenbett und legt los: "Sie heißen? Reagieren Sie allergisch auf ein Medikament? Ihre Zähne sitzen fest? ..." Mit jeder Antwort hakt sie einen Punkt auf der ellenlangen OP-Checkliste ab. Fällt eine Antwort nicht so aus wie sie soll, kann die Operation platzen. Dabei gibt es eine Frage, bei der am häufigsten gelogen wird. Laut Chefarzt Prof. Karl-Heinz Dietl lautet sie: "Haben Sie heute geraucht?"

"Handeln statt Reden." So lautet das Credo der Kliniken Nordoberpfalz AG in Sachen Qualität. Das verdeutlicht Klinikenvorstand Josef Götz passend zu den Vorführungen in der Klinikumscafeteria. Dort hat er im Auftrag der Klinikkompetenz Bayern - einem Zusammenschluss von 62 Kliniken - zur Infoveranstaltung "Qualität - Patientensicherheit - Wir zeigen es Ihnen!" eingeladen. 60 Zuhörer sind gekommen. Sie alle sind vom Fach, leiten Altenheime, leisten Besuchsdienste, wirken als ehrenamtliche Patientenfürsprecher, Aufsichtsräte doer Mitglieder des Fördervereins. "Und sie alle definieren Qualität anders ", weiß Götz. Das mache die Messung extrem anspruchsvoll.

Rote Laterne, mieser Arzt

Einfach geht es natürlich auch, weiß Dr. Thomas Egginger und entführt die Gäste nach China. Dort werde eine rote Laterne vor der Tür des Arztes angezündet, wenn sein Patient gestorben ist. "Die Zahl der Laternen vor der Tür lässt Rückschlüsse auf die Qualität des Arztes zu", erklärt der Ärztliche Leiter. Umso komplexer wirken seine folgenden Ausführungen über die Organisationsstruktur in Sachen Hygiene im Allgemeinen und im Besonderen im Operationssaal von Kliniken innerhalb der AG.

Prof. Dietl, Chefarzt der Allgemeinchirurgie, und sein Team demonstrieren Eggingers Ausführungen: Nach der erfolgreichen Einschleusung in den OP geht es dort zu wie bei der Bundeswehr. Jeder im Team macht Meldung, sagt seinen Namen und nennt seine Funktion bei der anstehenden OP. Das Instrumentarium - vom Skalpell über die Bildschirme - wird kontrolliert. Der letzte Identitätscheck folgt: "Ein Patient ist auch immer an seinem Krankheitsbild erkennbar", erläutert der Chefarzt der Allgemeinchirurgie - die Schilddrüsen-OP in der Cafeteria kann beginnen.

Nicht enden will aber die Auflistung der Instrumente zur Qualitätssicherung in der Kliniken AG. Zertifizierungen der einzelnen Einrichtungen gibt es laut Götz zum Beispiel bereits seit 2000. Vier Jahre später etablierte das Unternehmen eine eigene Abteilung Qualitätsmanagement. Ärzte, Pflegekräfte und Verwaltungskräfte gehören ihr an.

Auch das Reinigungswesen änderte sich komplett. Weg von der Keimschleuder Spaghetti-Mob, hin zum vergetränkten Wischtuch, erklärt Karl Wittmann, Leiter der Wirtschaftsbetriebe in der AG. Gudrun Stümpfl, Reinigungsleiterin aus Kemnath, hält die entsprechenden Gerätschaften hoch, zeigt auf das bunte Vier-Eimer-System. Jeder Eimer steht für einen anderen Putzbereich. "Jeder darin getränkte Lappen wird nur ein Mal benutzt und dann abgeworfen. Nochmaliges Eintunken gibt es nicht", weiß Stümpfl. Für hochinfektiöse Zimmer gelten noch strengere Regeln. "Putzen kann jeder, reinigen nicht", sagt Wittmann schlicht.

Zurück zu den Qualitätsinstrumenten: Auch Mitarbeiter machen im Klinikum Verbesserungsvorschläge. 376 Meldungen seit 2009 sind eingegangen, 306 abgeschlossen, 70 in Bearbeitung. "Dieses Instrument wird hervorragend angenommen", sagt Vorstand Götz. Ganz im Gegensatz zur Patientenbefragung. Nur 16 Prozent der Patienten füllen die Bögen mit Fragen etwa zum Essen, Personal und Zimmer aus. "Wir würden uns einen größeren Rücklauf wünschen." Die Bewertungsnote aber kann kaum höher ausfallen: Sie liegt bei 4,64 von 5 Sternen.

Kaum Beschwerden

"Schriftliche Beschwerden gehen zum Glück kaum ein", sagt Götz und verweist auf eine Beschwerdequote von unter 0,5 Prozent in den vergangenen zwei Jahren. "Was aber reinkam, haben wir in 72 bis 94 Prozent der Fälle korrigiert." Manchmal sei aber einfach nichts zu machen. "Bei Beschwerden gegen Baulärm zum Beispiel." Das zeigt: Auch Ruhe kann ein Qualitätskriterium und damit ein Fall für die vielen Checklisten sein. (Hintergrund)
Weitere Beiträge zu den Themen: August 2015 (7425)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.