Schleuser ist Zahnarzt

Plötzlich geht es im Schleuserprozess forsch voran. Drei der Tschetschenen haben sich auf einen Deal eingelassen (wir berichteten). Sie legten - nach der Streichung eines Drittels der Anklagepunkte - Geständnisse ab. Im Gegenzug stehen Strafen zwischen 2,5 und 4 Jahren im Raum. Schon am 21. und 22. Juli sind die Plädoyers und das Urteil geplant.

(ca) Am Mittwoch, dem 30. Verhandlungstag, kam es damit zum letzten Mal zum großen Auflauf im Schwurgerichtssaal: fünf Angeklagte, zehn Polizisten, fünf Dolmetscherinnen, fast ein Dutzend Verteidiger. Bis Ende Juli laufen zwei Schleuserprozesse parallel. In der Praxis sieht das so aus, dass am 21. und 22. Juli vormittags die Geständigen abgeurteilt werden. An den Nachmittagen wird gegen die zwei weiteren Angeklagten (49 und 30) weiter verhandelt. Zwischen den Fronten fiel am Mittwoch kein Wort. Am vorletzten Prozesstag hatten sich zwei Angeklagte derart angeschrien, dass der 49-Jährige aus dem Saal entfernt wurde.

Die vier Tschetschenen und der 49-jährige Ingusche, der Älteste im Bunde, wirkten nie wie eine homogene Bande. Bei den von Staatsanwalt Christian Härtl angeklagten 29 Schleusungen von 175 Tschetschenen (darunter fast 100 Kinder) gab es mehr oder minder zwei Teams: Die drei geständigen Angeklagten arbeiteten zusammen, ebenso die Zwei, die weiter schweigen. Nur der jüngste Angeklagte (28) hatte Kontakt zu allen. Und nur in einem einzigen Fall sollen alle Fünf an ein und derselben Schleusung mitgewirkt haben.

Anfangs haben alle hartnäckig geschwiegen, nannten nicht einmal ihre Namen selbst. Jetzt machten die drei geständigen Angeklagten zumindest Angaben zur eigenen Person. Dabei kam Erstaunliches zutage. Einer der Schleuser (40) ist Zahnarzt mit Hochschulabschluss. Und: Er ist nach islamischen Recht mit drei Frauen gleichzeitig verheiratet. Zwei davon leben mit vier Kindern (8 bis 12 Jahre) in Tschetschenien. Eine Frau lebt mit vier Söhnen (2 bis 11) in Berlin. Mit ihr ist der rothaarige Tschetschene auch staatlich getraut.

Kaum weniger spektakulär ist die siebenköpfige Kinderschar, die der 33-jährige Angeklagte aufbieten kann. "11, 10, 9, 8, 6, 5, 4", zählte der Kfz-Mechaniker das Alter der Sprösslinge herunter. "Einige kenne ich ja", sagte Landgerichtspräsident Walter Leupold. "Sie kennen sie alle", widersprach der Angeklagte. Im Mai waren die sieben Zwerge "zu Besuch" im Gerichtssaal. Die Kinder plus einer Mutter leben in Berlin, bisher von Sozialhilfe, inzwischen habe sich seine Frau mit einem Bekleidungsgeschäft selbstständig gemacht. Die Familie hat eine deutsche Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen.

Der Dritte verdiente in Tschetschenien monatlich 250 Euro als Bauarbeiter. Ungewöhnlich an dem Jüngsten (28): Er wuchs zu Zeiten der Tschetschenien-Kriege auf und hat wegen Unterrichtsausfalls die 4. und 6. Klasse wiederholt. Laut Anklage war der freundliche 28-Jährige derjenige, der im polnischen Aufnahmelager Terespol Kunden ansprach. Der Mittwoch gehörte ansonsten wieder ganz der Telefonüberwachung. Die Bundespolizei hatte 20 Anschlüsse abgehört. Die Verteidigung stört sich nach wie vor an der Übersetzung durch anonyme Dolmetscher.
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