"Schock und Entsetzen"

14 Jahre lang lebten Jerome und Sylvia Vezard - hier mit Sohn Sacha und Tochter Melanie (von links) - mit ihrer Familie in Paris. Im "Bistrot Paris" in Weiden, das Tochter Melanie leitet, traf sich am Freitagabend der französische Stammtisch. Über Sohn Aurelien (nicht im Bild) erfuhren die Anwesenden von den schrecklichen Attentaten in Paris. Tochter Amandine war ebenfalls zu Besuch. Sie ist mit ihrem Mann und den beiden Töchtern seit Sonntag wieder wohlbehalten zu Hause in Paris. Bild: Huber

Der Französisch-Stammtisch traf sich gerade im "Bistrot Paris" in Weiden, als der Terror über die französische Hauptstadt hereinbrach. "Auch unsere in Paris lebende Tochter war glücklicherweise mit ihrer Familie bei uns", erzählt Sylvia Vezard erleichtert. "Sie hat uns den jüngsten Familienzuwachs vorgestellt." Baby Adèle: fünf Wochen.

Weiden. (ps) Zwei Wochen vorher speiste Tochter Amandine mit ihrer Familie in einem der Lokale, in denen am Freitagabend die Attentäter zuschlugen. "Das ist sehr beliebt bei den Franzosen", sagt Sylvia Vezard. Sie lebte mit Ehemann Jerome und ihrer Familie selbst 14 Jahre lang in Paris, hat Verwandte und Freunde dort. "Gottseidank ist niemandem von ihnen etwas passiert."

Kunde stirbt im "Bataclan"

Was Familie, Freunde und Mitarbeiter betrifft, kann Alexander Bscheidl in diesen Stoßseufzer einstimmen. Was seine Kunden angeht, leider nicht. Der 39-Jährige leitet die Niederlassung der Weidener Firma Vantage in Paris. Die Kundschaft des für Spezialobjektive bekannten Unternehmens rekrutiert sich aus der Filmbranche. "Ein uns bekannter Regisseur ist im ,Bataclan' gestorben", bedauert Bscheidl am Montag im Gespräch mit dem NT. "Ein anderer Kunde von uns hat sich über das Dach gerettet und so überlebt."

Die furchtbaren Terroranschläge haben sich alle in unmittelbarer Nähe von Bscheidls Wohnung und der Vantage-Niederlassung ereignet. "Ein betroffenes Café ist nur sechs Hausnummern weiter." Er selbst war am Freitagabend bei Verwandten in einem Vorort. "Wir wollten uns das deutsch-französische Freundschaftsspiel angucken, uns einen schönen Abend machen." Als die Nachricht von den Attentaten eintraf, herrschten "Schock und Entsetzen".

Der 39-Jährige lebt im 11. Arrondissement. "Die Attentäter haben den Boulevard Voltaire für ihren Blutzug benutzt. Das ist alles ganz nahe." Dennoch versichert Bscheidl: "Ich habe keine Angst. Es ist passiert, aber jetzt geht es weiter." Die jüngsten Anschläge seien noch wesentlich brutaler gewesen als bei "Charlie Hebdo". "Trotzdem glaube ich, dass die Welt insgesamt besser ist, als es die Anschläge jetzt gezeigt haben."

Mittendrin im elften Arrondissement befindet sich auch die Universität, an der Dr. Michael Tröge lehrt. "Wir versuchen gerade herauszufinden, ob Studenten von uns betroffen sind", berichtet der Weidener mit Wahlheimat Paris am Montag. Es gab in der Nacht zum Samstag eine Studenten-Party auf dem Universitätsgelände. "Dort ist nichts passiert. Die Studenten wurden allerdings später von Sicherheitskräften eingesperrt."

Michael Tröge selbst hielt sich mit seiner Frau und den drei Töchtern im Alter von 7 bis 12 Jahren zu Hause auf. "Ich wohne in der Banlieue und gehe fast nie aus. Ich zähle also nicht zur Risikogruppe." Doch im Bekanntenkreis habe fast jeder jemanden, der von dem Attentat betroffen sei. "Der Neffe eines Universitätsangestellten ist im ,Bataclan' umgekommen." Trotzdem: Von Angst will auch Tröge nicht sprechen. "Es war mir vorher bewusst, dass etwas passieren kann." Er glaubt allerdings, dass viele Pariser verärgert sind. Nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" sei so viel beschlossen worden. "Aber passiert ist praktisch nichts", wirft er der Regierung Versäumnisse vor.

Ältere sind verunsichert

Auch Florence Radke ist Mitglied des Stammtischs, der sich am Freitagabend im "Bistrot Paris" traf. Gegen 23 Uhr berichtete Aurelien Vezard über die Anschlagserie. "Wir waren erschüttert." Doch inzwischen weiß die in Pirk verheiratete Pariserin: Ihren Eltern geht es gut. "Sie waren zu Hause. Beide sind über 80."

Die ältere Generation sei angesichts der brutalen Anschläge gegenüber ihren Nachbarn mit Migrationshintergrund schon etwas misstrauisch geworden, meint Florence Radke. Ihre Schwägerin dagegen habe viele Freundinnen, die Musliminnen sind und Kopftuch tragen. "Das ist für sie ganz normal." Ihre Mutter dagegen sei schon etwas verunsichert und gehe jetzt lieber frühmorgens einkaufen. "Da ist weniger los und alles besser überschaubar."

Alexander Bscheidl will - wie gesagt - von Angst nichts wissen. Nur in einer Beziehung spricht er davon: "Was einem Angst macht, ist die Machtlosigkeit der Staaten und speziell Europas."
Weitere Beiträge zu den Themen: November 2015 (9608)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.