Schrems, Engert, Graber: Ein Buch beleuchtet die NS-Vergangenheit dreier bekannter Regensburger ...
Fragezeichen hinterm frommen Schein

Der eine, Theobald Schrems, ist Ehrenbürger Mitterteichs. Der andere, Josef Engert, gilt als Vater der Universität Regensburg. Und der dritte, Rudolf Graber, wurde später, als die dunkle Zeit vorüber war, Bischof in der Domstadt. Drei Prominente der katholischen Kirche sind es, drei nach denen Schulen und Straßen benannt sind, deren Antlitz auf Büsten verewigt ist - drei Angesehene also, mit denen sich Robert Werner in einem Buch auseinandersetzt. Darin kommt er zu einer ganz anderen Bewertung der Theologen, als sie bisher bei vielen vorherrschte. Denn allen dreien attestiert er eine Nähe zum NS-Regime und dessen Ideologie, wobei er sich vor allem auf schriftliche Quellen stützt, welche das Trio hinterlassen hat. Eine Nähe, die in der Nachkriegszeit nur zu gerne verdrängt worden sei.

"Braune Flecken auf dem Priesterrock" heißt das Buch. Der Regensburger Werner bewegt sich damit eigentlich auf fachfremdem Terrain - er ist studierter Ingenieur. Weil er den lokalen Umgang mit der NS-Vergangenheit vielfach für unlauter halte, beschäftige er sich jedoch seit Jahren mit geschichtlichen Themen, erklärt er. Auch über die drei publizierte er bereits Artikel auf der Online-Plattform "Regensburg digital". Das Buch stellt die Aufsätze in überarbeiteter Form nebeneinander.

Nachforschung mit Folgen

Dass hier kein "gelernter" Historiker zu Werk geht, spiegelt sich in "Braune Flecken" wider. Etwa in vielen wertenden Formulierungen und einer insgesamt einseitig-kritischen Herangehensweise. Nur: Beiseiteschieben lässt sich das alles deswegen nicht automatisch. Im Gegenteil. Das gilt zumindest für Werners Recherchen über Josef Engert (1882-1964). Der Geistliche war vor und nach dem Krieg Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Regensburg, gilt als Geburtshelfer der heutigen Uni. Werner dagegen zeichnet Engert als Unterstützer des NS-Staates und Antisemiten. Die Veröffentlichung seiner Recherchen hatte Folgen. Zuvor hatte die Stadt Regensburg für herausragende wissenschaftliche Arbeiten einen Professor-Josef-Engert-Preis vergeben. Nun heißt die Auszeichnung schlicht "Universitätspreis", bis weitere Nachforschungen der Stadt zu Engert abgeschlossen sind. Wobei inzwischen auch andere Historiker Werners kritische Sicht teilen.

Äußerst fragwürdig war laut Werner auch die Haltung des früheren Regensburger Bischofs Rudolf Graber (1903-1992) zum NS-Regime. Deshalb gab es zwar schon zu Lebzeiten Grabers kritische Presseberichte. Gleichzeitig habe er damals - etwa in Person von Joseph Ratzinger - wie heute viele Unterstützer in der Kirche gefunden, die ihn eher als Widerständler zeichneten. Einen unkritischen Blick gibt es bei vielen bis heute auch auf Theobald Schrems (1893-1963). Der gebürtige Mitterteicher war langjähriger Domkapellmeister und ist untrennbar mit den Domspatzen verbunden, vor deren Sitz eine Straße nach ihm benannt ist. Zu Recht? Schrems habe 1933 "alle Hebel in Bewegung" gesetzt, damit der Knabenchor Hitler bei einem Regensburg-Besuch ein Ständchen darbieten könne, konstatiert Werner.

Ein Titel von Hitler

Als Beleg zitiert er aus einem Schreiben Schrems', in dem dieser den Auftritt anregt, um "unsere innere Verbundenheit mit dem Führer" zu belegen. Es blieb nicht das einzige Mal, dass der Chor vor Hitler sang. So wie sich laut Werner noch einige weitere Indizien für Schrems' "Affinität zu dem NS-Regime" finden, die sich auch für diesen selbst ausgezahlt habe: Hitler bedachte ihn mit einem Professoren-Titel.

Werner ist nicht der erste, der sich kritisch mit Schrems auseinandersetzt. Doch gibt es auch ganz anderslautende Beurteilungen. Immerhin wollte der Domkapellmeister kein Parteimitglied werden. Immerhin berichtete ein ehemaliger Sängerknabe, dessen Vater Jude war, dass Schrems ihn geschützt habe. Überhaupt habe er die Domspatzen angesichts der Bedrohung in der NS-Zeit verteidigt, sei zur teilweisen Zusammenarbeit eher gezwungen, sei verfolgt worden, argumentieren seine Verteidiger. Werner dagegen beharrt auf seiner Sicht: "Theobald Schrems unterstützte das NS-Regime aus eigenem Antrieb bis zum Ende, und er profitierte davon außerordentlich."

Andere Antworten denkbar

Es ist offen, ob Werners Urteil in diesem wie in den anderen beiden Fällen Bestand haben wird. Zumal das Buch keine vollständigen Biografien liefert. Trotzdem: Es kommt nicht oft vor, dass sich jemand dran macht, das überwiegend unkritische Andenken an lokale Größen zu hinterfragen - und damit etwas bewegt. Wobei gerade das Beispiel Engert belegt, wie nötig das mitunter sein kann.

Robert Werner: "Braune Flecken auf dem Priesterrock. Studien zur Verleugnung und Verdrängung der NS-Vergangenheit der Regensburger Theologen Josef Engert, Rudolf Graber und Theobald Schrems", Verlag Walhallanet, 12,80 Euro
Weitere Beiträge zu den Themen: Mai 2015 (7904)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.