"Servus" für Herrn Kommissar

Das gibt es auch nicht jeden Tag. Richter Walter Leupold verliest eine Stellungnahme, in der er ankündigt, dass er den Kripobeamten bei der Venehmung duzen wird. Warum? Weil der Vorsitzende Richter und Jens Meyer, der ermittelnde Kommissar im Betrugsverfahren Wolfgang S., Stadtratskollegen sind.

(ca) Leupold will damit Missverständnissen zuvorkommen: "Ich hege über die Stadtratstätigkeit hinaus keinen persönlichen Kontakt mit ihm." Jens Meyer, bei der Weidener Kripo zuständig für Wirtschaftskriminalität, tritt am Mittwoch im Prozess gegen den "Mallorca-Millionär" in den Zeugenstand. Es ist der 37. Verhandlungstag. Aber der Kriminalhauptkommissar hat schon in der Nacht nach der Festnahme von Wolfgang S. richtige Schlüsse gezogen: "Ich hatte den Eindruck, dass es sich hier um eine klassische Nigeria-Connection handeln könnte."

Seit 23 Monaten Weidener

Er habe dem Angeklagten sogar eine Brücke bauen wollen: "Ich hatte das Gefühl, Herr S. ist selbst Opfer dieser Nigeria-Connection geworden und überweist Geld in alle Welt. Das hat er vehement verneint." Dem Angeklagten ist übrigens bewusst, dass Meyer in Weiden der stellvertretende Bürgermeister ist. In einer Pause sagt er: "Na hören Sie mal! Ich bin seit 23 Monaten Bürger dieser Stadt."

Ein ziemlich unfreiwilliger. Aber na gut. Jens Meyer schildert klar und prägnant die Festnahme des inzwischen 68-Jährigen im April 2013. Unabhängig voneinander seien damals zwei Anzeigen eingegangen. Zum einen meldete sich Dr. Mathias Fleischmann, Anwalt des älteren Bruders des Hauptgeschädigten Michael S. Das Brüderpaar führte gemeinsam das Familienunternehmen im Landkreis Tirschenreuth. Der Bruder hatte schockiert festgestellt, dass Gelder aus dem Firmenvermögen (über 10 Millionen Euro) in großem Stil ins Ausland transferiert worden waren, vor allem in den asiatischen Raum. Zeitgleich stellte die Weidener Hausbank des Unternehmens eine Geldwäsche-Verdachtsanzeige.

Am Nachmittag des 18. April 2013 rief Dr. Fleischmann bei der Weidener Kripo an: Der Verdächtige befinde sich in einem Konferenzraum des Unternehmens. Meyer und ein Kollege fuhren zur Firma: "Wir haben ganz höflich an die Tür geklopft, Herrn S. nach draußen gebeten und vor der Tür die Festnahme erklärt." Dieser reagierte "überrascht, aber gefasst". In den folgenden Stunden vernahm Meyer den angeblichen Mallorca-Millionär. "Er war ungeheuer erzählfreudig über seine Geldanlagen, die um den Erdball schwirren."

Wolfgang S. räumte auch freimütig ein, dass Michael S. große Summe investiert habe. "Aber er könne auf Knopfdruck dafür sorgen, dass 15 Millionen Euro an den Unternehmer zurückbezahlt werden. Er müsse nur eine E-Mail an einen FBI-Mitarbeiter losschicken." Die Weidener Kripo bot ihm einen Computer an. "Er wollte dann nicht mehr." Den Namen des FBI-Mitarbeiters habe man noch in der Nacht über das CID Grafenwöhr (Military Police Detachment) zu überprüfen versucht. Ergebnis am nächsten Tag: "Ein Mitarbeiter dieses Namens war beim FBI unbekannt."

Kommissar Meyer hat eine Excel-Tabelle aller Zahlungsempfänger erstellt. Singapur, Hongkong, Taipeh ... Die Konten waren zumeist von "Limiteds" eingerichtet worden, beispielsweise der "Darkmoon Limited", gegründet auf den Britischen Jungferninseln. Von einer dieser Companys hat man einen Gründernamen: A. Muller aus der Mustermannstraße in Musterstadt.

Interessant war eine Meldung von Interpol Singapur, erinnert sich Meyer: So habe auf ein Konto, auf das Michael S. eingezahlt hatte, noch ein weiterer Deutscher Geld überwiesen. Diesem Mann aus dem Raum Stuttgart war ein Millionenerbe versprochen worden, wenn er eine vergleichsweise geringe Gebühr bezahle. Auch eine typische Nigeria-Story.

Wo sind all die Millionen hin, die Wolfgang S. eingesammelt hat? In seinen eigenen Säckel offenbar nicht. Laut Meyer lebte Wolfgang S. zwar in einer Villa auf Mallorca für 3500 Euro Miete pro Monat, aber die bezahlte er nur schleppend oder gar nicht. In den beschlagnahmten Unterlagen fanden sich etliche Mahnungen. Wolfgang S. hatte Probleme, Telefon- und Stromrechnungen zu bezahlen. Steuerschulden standen im Raum.

Das Rad dreht sich weiter

Eine bedeutende Rolle nimmt Rainer H. ein, ein Finanzberater aus Amberg. Er sitzt seit November in Untersuchungshaft, sein Verfahren vor dem Landgericht Weiden steht noch aus. Meyer berichtete, dass das Landeskriminalamt Thüringen jetzt bei einer Durchsuchung Unterlagen bei einem weiteren Partner gefunden hat. "Daraus wird offensichtlich, dass sich nach der Inhaftierung von Wolfgang S. das Rad weitergedreht hat." Rainer H. wurde nach April 2013 als "Generalbevollmächtigter" von Wolfgang S. eingesetzt und trieb weiter Geld ein. Willigen Geldgebern soll so nochmals eine größere Summe abhanden gekommen sein.

Was steckt nun dahinter? "Herr S. glaubte an das Vorhandensein des Geldes und hat sein eigenes Ding drumrum gemacht", tippt Jens Meyer. Nach einer Stunde wird er aus dem Zeugenstand entlassen. "Dankeschön und Servus", verabschiedet der CSU-Stadtrat den SPD-Kollegen.
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