Sex, Crime und Menschenschmalz

Bei einem Ritt durch die kriminelle Geschichte Weidens darf Walter Klankermeier (Zweiter von links) selbstverständlich nicht fehlen. Der ermordete Nachtclubkönig ist einer der Protagonisten einer Führung über Verbrechen in der Stadt. Bild: Archiv Bonkoß/Stadtarchiv
Lokales
Weiden in der Oberpfalz
21.10.2015
157
0

Der Klankermeier-Mord ist natürlich dabei. Und ein Würfelspiel um Leben und Tod. Hellseherinnen, Zauberer und Zoigl ebenso. Alles kommt vor in einer historischen Führung, in der es zur dunklen Seite Weidens geht.

Um die richtige Beleuchtung macht sich der Hochnebel verdient. Alles grau und fad und trist. Saukalt ist's auch noch. Garniert mit Nieselregen, der einen schaudern lässt. Verreck, kann die Innenstadt trostlos wirken im Herbst. Oder anders ausgedrückt: Die Kulisse ist schon mal perfekt. Es geht ja auch um Mord. Um zerstörerischen Sex. Und um schwarze Zauberei. Letzteres in der Schulgasse.

Hier ist die erste Station, zu der Eva Ehmann ihre 25-köpfige Gruppe lotst. Vor das Stadtrichterhaus, wo ehedem die Großkopferten der Justiz Recht und Gesetz gegen das Böse verteidigten, oder zumindest gegen das, was sie dafür hielten. Und genau dahin geht die Reise ja auch. "Dem Verbrechen auf der Spur" hat Ehmann ihre Stadtführung in Zusammenarbeit mit dem Seltmann-Haus betitelt. Sie gibt ein paar Ausrisse aus der Geschichte der Kriminalität in Weiden. Ehmann, ausgebildete Gästeführerin und Geopark-Rangerin, kam darauf durch ihren Mann, der bei der Kripo ist. Und weil sich die Geschichte vielerorts doch ähnele, wie sie sagt. Aber die Geschichten dahinter, und gerade die kriminellen, "das sind doch die Sachen, die den Leuten in Erinnerung bleiben".

Schmerzhafter Zauber

Wobei sich jetzt vielleicht doch nicht mehr jeder an diese Geschichte aus der Schulgasse erinnert: In dem Haus, in dem meist der Stadt-, teils auch der Landrichter residierte, gab es Gefängnisräume samt Verhörzelle. Vor einem der Richter, so Ehmann, landete Mitte des 17. Jahrhunderts auch ein Bauer aus Oedenthal. Mit gutem Grund. Hatte sich der junge Mann doch tatsächlich der Zauberei schuldig gemacht. Wobei, genaugenommen war er bestohlen worden.

130 Gulden hatte er vergraben. Sein Nachbar, der an einem Kropf litt, hatte sie wieder aus der Erde geholt. Der junge Mann ging zuerst zu einer Zauberin, dann zu einer Wahrsagerin nach Tachau. Die verstand ihr Geschäft und nannte ihm den Nachbarn als Dieb. Vor dem Rat in Weiden drehte der aber den Spieß um und beschuldigte den jungen Kerl, dieser habe ihm Schmerzen in den Kropf zaubern lassen. Damit war freilich auf einmal der Ankläger schuldig geworden. Während der Dieb Verzweiflung als Motiv geltend machte: Er habe die Gulden für seine Behandlung gebraucht und davon bei einem Scharfrichter Menschenschmalz gekauft. Immerhin galt das ausgelassene Fett armer Sünder damals als vorzügliches Heilmittel. Allein, es half nichts. Er starb alsbald.

Rügende Regierung

Zu Ende ist die Episode damit noch nicht. Ganz astrein war das Verfahren gegen den jungen Mann ja nicht gelaufen. Das jedenfalls monierte in einer Rüge an den Rat die Regierung, die Weiden offenbar damals schon gerne mit Tadel zur Seite stand. Man hätte doch den Kropf öffnen müssen, um zu sehen, ob etwas hineingezaubert wurde. Nadeln zum Beispiel, hieß es in der Belehrung.

Wie gut, dass die Kriminalistik inzwischen weiter ist. Allerdings kann sie noch immer nicht jeden Fall lösen. Und so bleibt Weiden bis heute eines der größten Rätsel seiner jüngeren Vergangenheit: der Klankermeier-Mord. Die passende Station dafür ist der Obere Markt, vor dem Eingang zur Judengasse. Hier wohnte der legendäre Nachtclubkönig, hier hatte er eine Disco. Bis er im Sommer 1982 mit einem Schuss ins Herz umgebracht wurde. Wer's war? Ehmann weiß es nicht. Und hätte allen Grund, sich auch andernfalls in Schweigen zu hüllen. Immerhin, so berichtet sie, gäbe es selbst heute noch 5000 Mark für den entscheidenden Hinweis - so viel war damals als Belohnung ausgelobt worden. Sei's drum. Klankermeier und seine Clubs brachten nicht nur ihr eh etwas Wertvolleres: Ehmann lernte dort ihren Mann kennen. Und nicht nur sie. "Ich auch!", ruft eine Teilnehmerin der Führung.

Ach, wenn die Menschen doch immer nur ihr Herz verlören. Ein paar Meter weiter, am Alten Rathaus, verloren sie jedoch ihr Gesicht. Am Pranger. Wo heute mitunter Architekten ihr Leid zusammenreimen, vollstreckte die Stadt einst Ehrenstrafen. Ehmann nennt den Fall einer Frau. Nach dem Dreißigjährigen Krieg hatte sie schlecht über die Regierung gesprochen. Logische Konsequenz: Sie landete, mit Steinen behängt, am Pranger. Der Ansehensverlust, den das brachte, wog schwer in der damaligen Gesellschaft.

Dabei hatte die Zeit noch weit Drakonischeres zu bieten. Nicht umsonst hat die Galgenbergstraße im Lerchenfeld ihren Namen. Geköpft wurde bei der heutigen Johannisstraße. Zwar gab es längst nicht so viele Hinrichtungen, wie manche glauben, sagt Ehmann. Aber passierte eben doch. Drei geschnappte Deserteure etwa mussten 1711 um ihr Leben würfeln. Der Corporal verlor ...

So abseitig das klingt. Das staatlich sanktionierte Morden mitten in Weiden ist - ganz abgesehen von der NS-Zeit - so lange noch nicht vorüber. Dass der Waldsassener Kasten, die letzte Station der Führung, bis 1989 auch als Gefängnis diente, wissen die meisten ohnehin. Bis vor rund 80 Jahren wurden im Innenhof obendrein noch Delinquenten gerichtet. Einer der letzten 1933, ein Mörder aus Wendersreuth. Er hatte den elterlichen Bauernhof nicht bekommen. Im "Hennerloch" und in anderen Lokalen geiferte er daraufhin: "Die bring ich um" - bis tatsächlich sein Bruder, dessen Frau und ihr Kleinkind blutüberströmt gefunden wurden. Der Verurteilte beteuerte seine Unschuld. Vor der Guillotine rettete es ihn nicht.

Ein bitteres Ende. Aber so will Ehmann die Teilnehmer nicht in den grauen Tag entlassen. Also noch einmal zurück nach Neuhaus, Dezember 2012: Beim Zoigl (viel) kommt sich ein junges Pärchen näher (sehr). Nun rückt man in einer Zoiglstubn zusammen, aber so eng auch wieder nicht. Also suchen sich die zwei eine Garage in der Nähe. Zufällig die von Rupert Beer, Tuba-Spieler der "Altneihauser Feierwehrkapell'n", auf dessen Citroën sie sich niederlassen.

Begutachtete Liebe

Das Bier mag unfiltriert sein, die Liebe nicht ganz. Also findet Beer später unter anderem ein gebrauchtes Kondom - und eine vom Beischlaf zerbeulte Motorhaube. Weil die Haftpflichtversicherung der beiden die Schadenshöhe anzweifelt, kommt es in Weiden zur Gerichtsverhandlung. Samt Gutachter, der das nächtliche Geschehen nachstellt. Ehmanns Zuhörer quittieren's mit Gelächter. Obwohl diese Episode mit einem Verbrechen wahrlich nichts zu tun hat. Egal. Die schönsten Vergehen sind doch eh die harmloseren.
Weitere Beiträge zu den Themen: Oktober 2015 (8435)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.