"Sie hatte Todesangst"

Über einen Monat hatte eine Weidenerin (28) nichts von ihrer gleichaltrigen Freundin gehört. Dann stand diese in einer Winternacht vor der Tür. "Sie hat mit zittriger Stimme gefragt: Kann ich mich hier verstecken?" Die Freundin habe "Todesangst" gehabt und war "fürchterlich zugerichtet".

(ca) An diesem Sonntagabend, 1. Dezember 2013, soll ihr die Flucht aus einem vierwöchigen Martyrium gelungen sein, das derzeit vor der 1. Großen Strafkammer verhandelt wird. Der Staatsanwalt wirft einem 29-Jährigen vor, seine damalige Freundin in der Zeit verprügelt, vergewaltigt und ohne sein Beisein nicht aus der Wohnung gelassen zu haben.

Die Zeugin vom Dienstag und die Geschädigte sind "seit der 7. Klasse" befreundet. Ende Oktober 2013 herrschte plötzlich Funkstille: Als der Angeklagte nach seiner Haftentlassung wieder in das Leben seiner Ex-Freundin trat. Er hatte wegen Körperverletzung an eben dieser Frau eingesessen. "Es kam noch eine SMS. Relativ abgehackt. Ihr gehe es gut", schildert die Zeugin.

Brandwunde und Biss

Die Freundinnen sahen sich erst wieder, als die Geschädigte Unterschlupf suchte. Ihr Auge war blau und zugeschwollen. Die Zeugin beschreibt Würgemale. Hämatome an Armen, Beinen, Rücken. Eine Brandwunde von einer Zigarette. Bisse. Manche Verletzungen konnten nach ihrer Einschätzung nicht per Hand verursacht sein: "Sie sagte, das sei von einem Schürhaken." In der Wohnung habe sie unter der Kontrolle des Angeklagten gestanden. Seinem Willen nach Geschlechtsverkehr habe sie sich gefügt, um Prügel zu vermeiden.

Die Freundin richtete der Verletzten die Couch ein, wo diese "lag wie eine eingerollte Schnecke". "Sie hatte eine Todesangst, dass er sie verfolgte." Der Rollo musste unten bleiben. Am Montagabend brachte sie die Geschädigte ins Klinikum, getarnt mit Mütze und Sonnenbrille. Ein Arzt dokumentierte die Verletzungen.

Der Alptraum war damit nicht ausgestanden. Die Freundin brach an Nikolaus zu einer USA-Reise auf. Als sie am 14. Dezember zurückkehrte, erreichte sie noch auf dem Flughafen ein Anruf der Geschädigten: "Sie hat mir in Kurzfassung gesagt, was passiert ist. Dass sie abgegriffen wurde auf einem Parkplatz und wieder in die Wohnung musste." Die Polizei befreite sie am 11. Dezember. Richter Walter Leupold dankte dem Nachbarn für den Notruf: "Ich bin froh, dass es Menschen gibt, die auch was tun, wenn sie Hilfeschreie hören."

Im Gerichtssaal klickten erneut die Handschellen: Staatsanwalt Hans-Jürgen Schnappauf ließ eine Verwandte des Angeklagten wegen Verdachts der Falschaussage festnehmen. Die Schwiegermutter des Bruders schwor Stein und Bein, im November 2013 fast täglich in der Wohnung gewesen zu sein - und nie habe sie die Geschädigte angetroffen. Sie widersprach damit ihren eigenen Angaben bei der Polizei und kurioserweise sogar der späteren Aussage ihrer Tochter (21). Die Frauen aus dem westlichen Landkreis hatten regelmäßig die Wohnung des Angeklagten und dessen Vaters geputzt, wenn sie in Weiden waren. Das waren sie zu der Zeit täglich, weil die Tochter ihrem Ehemann das Essen bringen musste: Der Bruder des Angeklagten war damals in Haft und arbeitete als Freigänger bei einer Weidener Firma.

Er in ihren Turnschuhen

Nebenklagevertreterin Anne Brünnig forderte die Ablehnung eines Antrags des Verteidigers Richard Müller. Dieser hatte ein sexualwissenschaftliches Gutachten gefordert. Brünnig sah in den Behauptungen über ihre Mandantin den Zweck, diese "zu demütigen". Der Angeklagte zeige "seine Macht auch dadurch, dass er in ihren Turnschuhen, die sie in der Wohnung zurücklassen musste, vor Gericht erscheint": "Für ihn ist eine Frau ein Gegenstand, mit dem er machen kann, was er will." Müller wies "diese Beleidigung zurück". Fortsetzung am heutigen Mittwoch, 8.30.
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