"Sie ist trotzdem meine Mama"

Eine an Demenz erkrankte Bewohnerin liegt in ihrem Zimmer auf einer Matratze neben dem Bett. Die Matratzen sollen verhindern, dass sie sich verletzt, falls sie sich aus dem Bett dreht. Symbolbild: dpa

Eine Plastikbox mit Schoko-Plätzchen und Familienfotos auf dem Holzschrank im Eck. Die 88-jährige Irmgard K. (Name geändert) sitzt auf dem Bett im Pflegeheim. Die Blutergüsse im Gesicht zeugen von ihrem letzten Sturz. "Ist es kalt draußen?", fragt sie ihre Tochter Martina dreimal in wenigen Minuten.

Irmgard K. lässt ihre Beine von der Bettkante baumeln. An den Füßen trägt sie rote Wollsocken. "Wie geht es dir heute? Hast du Schmerzen?", will Martina K. von ihrer Mutter wissen. Die Oberpfälzerin schaut geradeaus und zupft an ihrer Hose. "Mama, hast du Schmerzen?", fragt sie ein zweites Mal - diesmal lauter. Irmgard sieht ihre Tochter verdutzt an: "Wieso?"

Martina K. zeigt auf die Blutergüsse und nimmt die Hand ihrer Mutter. "Du bist ganz blau im Gesicht, weil du schon wieder hingefallen bist", erklärt sie. Die 88-Jährige scheint sich zu erinnern und nickt. Tochter Martina schüttet Vitaminsaft in ein Glas. "Trink mal was, Mama. Da kommst du nicht hin, wenn die Schwestern die Flasche so weit weg stellen, gell?"

Mutter allein gepflegt

Seit fast einem Jahr lebt Mutter Irmgard in einem Pflegeheim im Landkreis Tirschenreuth. Jahrelang hat Martina sie zu Hause gepflegt. Bis die Mutter stürzte und mit Brüchen ins Krankenhaus musste. Die Ärzte rieten der 50-Jährigen, ihre Mutter in ein Pflegeheim zu bringen. Die Gefahr eines erneuten Sturzes sei zu groß. "Sie hat sich nicht einmal daran erinnert, dass sie hingefallen ist", sagt Martina K. und zuckt hilflos mit den Schultern. "Am Anfang war es komisch, dass sie nicht mehr da war. Aber ich konnte einfach nicht mehr", meint sie und wischt sich mit dem Handrücken die Tränen weg.

Die Vergangenheit holt die 50-Jährige wieder ein, als sie von ihren Erlebnissen mit ihrer dementen Mutter erzählt. "Es war nie einfach mit meiner Mama. Sie war schon immer eine dominante Frau. Eine Kriegsgeneration, die kein Blatt vor den Mund nimmt." Mit dem Alter habe sich ihre Schroffheit weiter verstärkt. "Ich habe wegen ihr viel geweint, sehr viel."

"Es sind oft böse Schimpfwörter von Mama gefallen. Wenn ich sie morgens anziehen wollte, hat sie mir an den Kopf geworfen, dass ich ihr nichts zu sagen hätte." Martina K. senkt traurig den Kopf. "Aber sie ist immer noch meine Mama. Ich konnte sie ja nicht liegen lassen." Die Gefühle schwankten zwischen Wut und Verzweiflung.

Dr. Wolfgang Rechl, zweiter Vizepräsident der Bayerischen Landesärztekammer, kennt die Gefühle, die sich bei den Angehörigen aufstauen. "Am Anfang sind sie sauer, weil sie nicht verstehen, was mit dem Menschen durch die Krankheit passiert. Sie verändern sich", erklärt er. "Als Ärzte müssen wir ihnen erst einmal sagen: Sie können viel nicht mehr können." Hilflosigkeit und Vergesslichkeit veränderten auch emotional. "Entweder werden sie apathisch, oder die Gefühle spitzen sich zu - sie werden aggressiv", erklärt der Mediziner.

Gekocht und gewaschen

Martina K. ist es vorgekommen, als sei es für ihre Mutter Zeitvertreib gewesen, sie zu drangsalieren. "Obwohl ich alles für sie gemacht habe: gekocht, sie gewaschen." Jahrelang habe ihre Mutter noch behauptet, sie mache alles selbst. "Dabei haben wir schon lang die Knöpfe vom Herd abmontiert. Sie hat es nicht mal gemerkt. Sie wollte es nicht zugeben, dass sie Hilfe braucht."

Irmgard K. sei fleißig gewesen. Auf dem Hof habe sie die Tiere versorgt und alles gemanagt. Als sie vor rund 30 Jahren den Hof an die Tochter übergeben hat, habe sie zugleich den Kochlöffel abgegeben. "Sie wollte nichts mehr tun", erinnert sich Martina K. In den folgenden Jahren baute sie weiter ab. Am Morgen habe sich Irmgard K. oft nicht anziehen lassen und nach ihrer Tochter geschlagen. "Wenn sie etwas nicht mehr fand, beschuldigte sie andere." Martina K. beschreibt das Verhalten ihrer Mutter wie das eines trotzigen Kleinkindes.

Wann ihre Mutter krank wurde, kann Martina K. nicht sagen. "Es war ein schleichender Prozess. Wenn man dem Menschen nahesteht, merkt man das nicht gleich", sagt die 50-Jährige. "Ich habe mich nur gefragt, warum sie so böse und respektlos zu mir ist." Irmgard K. habe sich sehr verändert. Früher habe sie gerne Pelzmantel und Highheels getragen. "Irgendwann wollte sie sich nicht mal mehr waschen." Martina K. ließ schließlich den medizinischen Dienst kommen, der den Gesundheitszustand der Mutter beurteilte. Dieser stellte fest, dass Irmgard längst hätte in eine Pflegestufe eingestuft werden können. "Wenn ich es eher akzeptiert hätte, dass meine Mutter unter Demenz leidet, hätte ich mir früher Hilfe holen können. Dann wäre es nicht so eine aussichtslose Situation gewesen." Oft habe sie sich gedacht: "Mensch, wach auf!" Aber sie habe es als ihre Pflicht gesehen, ihre Mutter zu pflegen. Sie habe gedacht, sie könne es allein schaffen. Nach dem Sturz der Mutter musste sie sich aber eingestehen, dass sie Hilfe braucht.

Fotos zur Erinnerung

Oft, wenn Martina K. ihre Mutter besucht und die Pfleger sie besonders schön gekleidet haben, macht sie ein Foto - zur Erinnerung an die Frau, die ihr das Leben nicht gerade leicht gemacht hat, aber immer ihre Mutter bleiben wird. (Seite 19)

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http://www.oberpfalznetz.de/demenz
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