Sie sind immer am Zug

Aus ihrer Kanzel am Stellwerk dirigieren sie den Zugverkehr rund um Weiden und in Vilseck: Fahrdienstleiter Dieter Zintl (hinten) und Zugmelder Tobias Eisinger (vorne). Am Tisch stellen sie sogenannte Fahrstraßen ein - das ist der Weg, den ein Zug über die gestellten Weichen eines Bahnhofs nimmt. Die Bildschirme gehören zum elektronischen Stellwerk, das für Neustadt, Altenstadt und Vilseck installiert wurde. Bilder: Hartl
Lokales
Weiden in der Oberpfalz
22.07.2015
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Stellwerk elektronisch: Dieter Zintl am sogenannten Bedienplatz für das Stellwerk Neustadt⁄WN, das den Bereich zwischen Weiden und Windischeschenbach inklusive des Abzweigs Richtung Felixberg abdeckt.

Sie erinnern an zwei Eulen-Augen, so nah liegen sie beieinander. Von ihren Betrachtern verlangen sie Aufmerksamkeit. Nicht nur, weil sie rot leuchten. Sie sind das wichtigste Symbol für sicheren Bahnverkehr.

Die zwei Eulen-Augen gehören zu einem Lichtausfahrsignal vom Typ H/V, Signalbild: Hp 0. Die Bedeudeutung: "Halt". Die zwei roten Lichter erlöschen. Darüber erleuchtet ein grünes. Für den Lokführer der "Oberpfalzbahn" bedeutet das: "Fahrt". Der Triebwagen beschleunigt, rollt am Signal vorbei, über Weichen hinweg Richtung Süden.

"Zug 74257 in Weiden (Oberpfalz) ab 10.55 Uhr." Zugmelder Tobias Eisinger (32) informiert den Fahrdienstleiter in Wernberg-Köblitz darüber, dass die Oberpfalzbahn nach Regensburg gerade Weiden verlassen hat. "Abmelden" heißt dieser Vorgang in der Sprache der Bahn. Eisinger unterstützt an diesem Tag seinen Kollegen, Fahrdienstleiter Dieter Zintl (46). Von ihrer an drei Seiten verglasten Kanzel - drei Stockwerke über dem Bahnsteig - haben die zwei Mitarbeiter beim Regionalnetz Oberpfalz der DB Netz AG den Überblick über die weitläufigen Anlagen des Bahnhofs Weiden.

Ein Zug pro Block

Während sich Menschen in den Sitzen zurücklehnen, laufen im Hintergrund ausklügelte Mechanismen aus Kommunikation und Technik ab. Sie haben nur eine Aufgabe: Brenzliche Situationen vermeiden und damit lebensgefährliche Unfälle ausschließen. Dafür stellen Männer und Frauen in den Stellwerken Weichen und Signale. Grundsatz dabei ist: Auf einem klar abgegrenzten Streckenabschnitt, dem Block, darf sich immer nur ein Zug befinden.

24 Stunden am Tag ist das Stellwerk in Weiden besetzt, mit mindestens einer Person, zu den Hauptverkehrszeiten mit zwei. Sie melden Züge vor, stellen Weichenstraßen ein, erteilen Abfahraufträge. Und sie führen das Zugmeldebuch, eine Art Protokoll über alle abgewickelten Zugfahrten und deren Details.

"Man muss Multi-Tasking-fähig sein", sagt Zintl. Denn Zug, der von Windischeschenbach kommt, muss er ebenso auf dem Schirm haben wie den nach Wernberg oder Neukirchen. Und nicht nur auf dem Bildschirm, sondern auch auf dem "Schirm im Kopf": Er muss wissen, welche Gleise belegt sind, wo Bauarbeiten laufen. Und im Notfall ist er zuständig, Gleise zu sperren, Züge anzuhalten und Rettungsdienste zu verständigen.

Stellpulte und neuerdings Bildschirme leisten Unterstützung. Rot, gelb und grün markierte Streckenabschnitte geben Aufschluss darüber, ob sich dort ein Zug befindet oder nicht - oder dort gleich einer fahren wird. Das Stellwerk prüft im Hintergrund, ob der Fahrdienstleiter auch die richtigen Entscheidungen getroffen hat.

In Weiden arbeiten gleich zwei Generationen von Stellwerken Hand in Hand. Ein Relais-Stellwerk vom Typ DrS 60 mit seinem Drucktastenpult aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Und ein modernes, computergesteuertes elektronisches Stellwerk (ESTW) mit Monitor, Tastatur und Maus, zuständig für den Bereich Altenstadt, Neustadt und Vilseck. Der Unterschied: War früher die physische Präsenz eines Fahrdienstleisters vor Ort oder zumindest im näheren Umkreis erforderlich, lassen sich mit modernen ESTW Weichen und Signale auch aus mehreren 100 Kilometern Entfernung steuern. Statt Seilzügen oder elektrischen Impulsen bringen nun digitale Signale die nötigen Informationen vom Stellwerk an die Strecke.

Zintl kennt nahezu alle Stellwerkstypen. Seit 25 Jahren ist er bei der Bahn. Neben Weiden darf er auch in Pressath und Trabitz arbeiten, wo es noch mechanische Stellwerke gibt. Auf ähnlich viele Dienstjahre bringt es Eisinger nicht. Der gelernte Maurer kam 2011 zur Bahn, hat in Karlsruhe eine Umschulung besucht und inzwischen auch eine Ausbildung für das ESTW absolviert. In seinem neuen Beruf fühlt er sich "geistig mehr gefordert". ESTW - das ist die Zukunft in der Bahnsicherung. Auch in der Oberpfalz. Bis zum Jahr 2018 sollen die Bahnhöfe Freihung und Weiherhammer auf die Computersteuerung umgestellt werden. Dann wäre die Strecke von Weiden nach Neukirchen bei Sulzbach-Rosenberg die mit der modernsten Überwachungs- und Steuerungstechnik in der nördlichen Oberpfalz - und komplett ferngesteuert aus Weiden beziehungsweise Neukirchen.

144 Fahrten am Tag

Langeweile kommt tatsächlich nicht auf. Auch wenn alles nach Fahr-Plan laufen soll - zu tun gibt es genug. Weiden besitzt einen der bedeutendsten Bahnhöfe in der nördlichen und mittleren Oberpfalz. Durch Weiden verläuft die Nord-Süd-Strecke von Hof nach Regensburg mit ihren schnellen Alex-Zügen. Hier beginnt die eingleisige Strecke nach Bayreuth, auf der kleine Agilis-Triebzüge verkehren. Und hier enden die Gleise der Nürnberger Linie, die hauptsächlich von Neigetechnik-Triebzügen der DB befahren werden. Das bedeutet: 144 Zugbewegungen an Werktagen. Der Personenverkehr macht 90 Prozent aus.

Möglicherweise gibt es bald noch mehr zu tun. Die Bahn würde die Strecke Hof-Regensburg lieber heute als morgen elektrifizieren. Dann müssten sich Zintl und Eisinger auch darum kümmern, dass Güterzüge von und zu den Seehäfen zügig weiterkommen. Und dass auch der geplante Inter-City nach München pünktlich abfährt. Die Fahrgäste werden davon im Idealfall auch künftig nichts mitbekommen. Fahrdienstleiter sind die stillen Arbeiter im Hintergrund - und haben trotzdem den Überblick.
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