Sommer 2013: Fluchtwelle der tschetschenischen Bevölkerung - Prozess gegen mutmaßliche Schleuser
Ochsen verkauft, Familienschmuck versetzt

(ca) Der Friseur Yunus S. hört beim Haareschneiden von Deutschland. Der Kunde sagt, er könne ihm und seiner Familie helfen, in Europa ein neues Leben zu beginnen. 3000 Kilometer entfernt vom diktatorischen Terrorregime der russischen Teilrepublik Tschetschenien. Yunus und seine Frau Kheda haben zwei Kinder, einen Vierjährigen und ein Baby mit zehn Monaten. Sie versetzen den Schmuck der Familie, die Eltern geben Geld dazu. Im Juli 2013 winkt die Bundespolizei Kleve nahe der niederländischen Grenze einen schwarzen Rover von der Autobahn: Drin sitzen ein polnischer Fahrer, der Friseur und seine Familie.

Es sind große dramatische Kapitel der Weltgeschichte, die Woche für Woche im zugigen Schwurgerichtssaal des Landgerichts Weiden ihre Spuren hinterlassen. 14 000 Tschetschenen haben 2013 ihr Land verlassen (Quelle Bundesamt für Migration). Ein Exodus aus dem Kaukasus. Es ist nur die Spitze des Eisbergs, die im Prozess gegen fünf mutmaßliche Schleuser hervorspitzt. Aber es zeigen sich der "modus operandi" und die Motivation für die Fluchtwelle.

Die Anklage beinhaltet 29 Fahrten von Polen nach Deutschland mit 175 Tschetschenen an Bord. Die 1. Große Strafkammer unter Vorsitz von Walter Leupold arbeitet Fall um Fall ab. Am Montag, dem 11. Prozesstag, sind wieder Bundespolizisten aus der ganzen Republik angereist. Zwei Beamte aus Nordrhein-Westfalen, zwei Polizisten aus Brandenburg, drei Kollegen aus Sachsen, einer aus Berlin. Alle waren in irgendeiner Form im Sommer 2013 am Aufgriff oder der Vernehmung von illegalen Tschetschenen beteiligt.

Aus reiner Nächstenliebe?

Es ist völlig gleich, welchen Fall man sich herauspickt. Alle sind irgendwo tragisch. Tragisch deshalb, weil im Friseursalon in Grosny eine Kleinigkeit verschwiegen wurde: die EU-Verordnung Nr. 604/2013 ("Dublin III"). Polen gilt als sicherer Drittstaat. Wer hier Asylantrag stellt, klebt fest. "Aber für uns ist Polen genauso wie Russland", hat Yunus S. bei der Polizei Kleve ausgesagt. Da wollte man doch gar nicht hin.

Bei der Bundespolizei in Görlitz sind die Eheleute Mairbek und Zarema mit ihren drei Kindern (1, 8, 15) gestrandet. Alle sind völlig erschöpft. Das Jüngste muss später stationär mit der Mutter im Krankenhaus bleiben. Die Familie hat eine irre Tour hinter sich. Mairbek und Zarema haben ihre Ochsen und Kühe verkauft und sich vom Erlös Pässe besorgt, berichten sie den sächsischen Bundespolizisten. 300 Euro pro Pass. Mit zwei bezahlten "Taxifahrern" kommen sie bis Weißrussland, weiter geht's mit dem Zug nach Terespol in Polen. Woher sie wissen, wo sie lang müssen? "Das wissen bei uns alle."

Nur der letzte Fahrer, der sie in Polen aufpickte - der soll sie rein zufällig aus reiner Nächstenliebe mitgenommen haben. Vater Mairbek gibt an, dass die fünfköpfige Familie kurz vor der deutschen Grenze bei einer Tankstelle an der Straße stand. Er habe ein Schild mit der Aufschrift "Berlin" gehalten. Der Angeklagte Ruslan A. (33) stoppte: "Die Familie tat mir leid. Das kleinste Kind war krank", sagte er bei der Polizei in Görlitz.

Mitleid könnte man bekommen - mit den Familien, die alles dran gegeben haben, um in einem freien Land zu leben. Aber Mitleid war wohl nicht die einzige Motivation für die fünf Angeklagten. Im Fall von Mairbek und Zarema flossen laut Staatsanwalt Christian Härtl 1500 Euro Schleuserlohn. Friseur Yunus soll 1200 Euro an die Angeklagten bezahlt haben.

20 Telefone abgehört

Eng könnte es für die Angeklagten werden, wenn in den nächsten Prozesstagen (ab Donnerstag, 9 Uhr) die TKÜ (Telekommunikationsüberwachung) eingespielt wird. Rund 20 Telefonanschlüsse sind auf Beschluss des Weidener Amtsgerichts im Sommer 2013 abgehört worden: Nummern mit polnischer, russischer, deutscher und belgischer Vorwahl, dazu Nummern zu internationalen Calling-Cards von Vodafone (01521).

Von Tschetschenen hat in diesem Gerichtssaal noch niemand ein Wort gehört: Die Angeklagten sagen nicht aus. Die Geschleusten sagen nicht aus. Auch die zwei Frauen, die am Montag pünktlich zu ihrer Vernehmung erscheinen, machen von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Sie müssen sich nicht selbst belasten. Razijan B. (49) blickt unter ihrem islamischen Kopftuch in die Runde: "Ich habe überhaupt keine Vorstellung, wer diese Leute sind."
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