Staatsanwalt Hans-Jürgen Schnappauf fordert 15 Jahre Freiheitsstrafe für den Angeklagten
Das etwas andere Plädoyer

Staatsanwalt Hans-Jürgen Schnappauf packt ein. Aber nur sinnbildlich. Er forderte am Mittwoch nach einem bemerkenswerten Plädoyer satte 15 Jahre Haft für Wolfgang S. Bild: Hartl
Lokales
Weiden in der Oberpfalz
09.04.2015
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Schwurgerichtssaal, Mittwoch, 15.45 Uhr. Staatsanwalt Hans-Jürgen Schnappauf fordert 15 Jahre Freiheitsstrafe für den Angeklagten im Betrugsprozess. Der bald 69-Jährige lässt schockiert die kahle Stirn auf die Tischplatte sinken. Der Staatsanwalt beschließt indessen sein bemerkenswertes, dreistündiges Plädoyer mit den Worten: "Danke. Saludos!"

"Saludos!" So schloss Wolfgang S. oft seine Bettelbriefe aus Mallorca an die Geldgeber in Deutschland. Überraschend ist am Mittwochnachmittag vor der 1. Großen Strafkammer bereits plädiert worden. Am Vormittag hatten die Verteidiger weiter munter Beweisanträge aufgetischt. Die Ehefrau aus Valencia sollte geladen werden. Ein psychologisches Zusatzgutachten wurde beantragt. Die Zielrichtung laut Anwalt Helmut Miek: "Die Gutgläubigkeit ist zentrale Frage." Wusste Wolfgang S., was er tat?

Die Strafkammer lehnt kurz vor Mittag alle Anträge ab. Um 12.30 Uhr setzt Staatsanwalt Schnappauf schon mit seinem Plädoyer an. Er legt sein Meisterstück ab. Die Verteidigung nennt's hinterher "Stand-up-Comedy". Der Angeklagte wirft stellenweise empört seinen weinroten Schal über die Schulter und schüttelt den Kopf. Aber den übrigen Zuhörern werden die 294 Minuten nicht lang.

2008 bis 2013. Schnappauf galoppiert im Zeitraffer durch fünf Jahre im "Berufsleben" des Wahl-Mallorquiners Wolfgang S. 78 Fälle des Betrugs an 9 Geldgebern waren ursprünglich angeklagt. 52 bleiben über. Die anderen sind nach Paragraph 154 eingestellt, weil sie den Braten ohnehin nicht fett machen.

Aufs Neue ist erstaunlich, wie absurd der Angeklagte den Financiers das Geld aus der Tasche zog. Allen voran dem Unternehmer aus dem Landkreis Tirschenreuth, den er um mindestens zehn Millionen Euro erleichterte. Der Betriebswirt überwies den Wert von Einfamilienhäusern im Wochentakt. Beispiel Sommer 2010. Eine halbe Million im Juli. 171 000 im August. 462 000 im September. Auf die irrsten Konten. Nach Singapur und Dubai. Taipeh und Zypern. Der Firmenchef zahlte und zahlte.

Eine chinesische Ausfallversicherung hier, eine Abfindung an afrikanische Anwälte da. US-Steuern. Schmiergeld an die kanadischen Finanzbehörden. "Kanada!" Weltweit führend in Antikorruption. Schnappauf kann's nicht fassen. All diese Hinderungsgründe, warum das Millionenvermögen auf sich warten lässt, sind für ihn "Humbug", bewusster Betrug: "Wie, wenn man bei Monopoly 78 Mal hintereinander eine negative Ereigniskarte zieht."

Und welche Belege aufgefahren werden! Der Staatsanwalt liest ein Schreiben des US-Finanzministers Timothy Geithner vor. "I affirme confirme that there will be no further demand either." Die Amsterdamer ING Bank sei unwiderruflich autorisiert, an Wolfgang S. die Summe von 833 Millionen Euro auszuzahlen. Wenn denn 4,6 Millionen Euro Steuerschulden an die USA flössen. Schnappauf: "Wow! Ein Brief von Timothy Geithner. Das haut den Oberpfälzer natürlich um." Der hauptschädigte Unternehmer überweist am gleichen Tag 678 000 Euro.

Zwischendrin bettelt der Angeklagte um den Lebensunterhalt auf Mallorca: "Palma brennt!" Der Leihwagen. Die Miete für Villa mit Pool. Etliche Zeugen haben den Angeklagten bis zuletzt gesponsert. Der hätte sonst "Kitt aus den Fensterrahmen" essen müssen, so ein Geldgeber.

"Lass mich in Ruhe"

Ein wenig in Schutz nimmt der Staatsanwalt den Hauptgeschädigten: "Wir wissen jetzt, dass er damals eine falsche Entscheidung getroffen hat. Aber das ist immer leichter im Nachhinein." Schnappauf verliest verzweifelte E-Mails des Unternehmers: "Ich habe für 135 Leute zu sorgen, und deren Familien hängen hintendran." Die Reaktion des Angeklagten: "Lass mich doch mit soviel Scheiß in Ruhe. Wenn keine 56 Millionen verloren gehen sollen, heißt es, still zu halten. Willst du Geld oder Mist?" Schnappauf nennt das rücksichtslos, kaltblütig, kaltschnäuzig.

Er entwirft fünf Szenarien. Von der Version, der Angeklagte ist unwissentlich von einer Nigeria-Connection vor den Karren gespannt worden. Bis zur Version, dass er weiß, was er tut. Und der Staatsanwalt entscheidet sich für die letzte: "Wen man so handelt, hat das mit Gutgläubigkeit nichts zu tun." Wolfgang S. war "vom Fach", seit mindestens 2003.

War er alleiniger Täter? Für Schnappauf weist viel auf ein Netzwerk hin: Das große Geld floss auf internationale Konten (die sich in Luft auflösten). Die "offiziellen" Schreiben wirken wie aus unterschiedlicher Quelle. Letztlich bleibe die Wahrheit im Dunklen. "Sicher ist, dass Wolfgang S. ein hervorragender Schauspieler ist." Das zeige sein Auftreten über viele Jahre und im Prozess. "Nur: in welcher Rolle? Mephisto oder Faust? Eher der Böse oder der Böse selbst, der Hintermann des Ganzen, der sich ins Fäustchen lacht?" Oder gar eine tragische Figur, die Betrügern aufgesessen ist? Für den Staatsanwalt ist schon das zu viel des Guten: "Es bleibt das Bild eines gescheiterten Durchschnittsbetrügers."

Das Vermögen von Wolfgang S. hat nach fester Überzeugung des Staatsanwalts nie existiert. "Es ist und war niemals Geld da. Nullo. Nada. No tengo dinero." Auch in Afrika nicht. Aus 2006 existiert ein Darlehensvertrag über 27 Millionen Dollar mit dem Sohn des ermordeten Tabak-Plantagenbesitzers Benson Moyo aus Zimbabwe. Die Story kann schon aufgrund differierender Jahreszahlen nicht stimmen. "Es muss wohl so sein, dass Benson Moyo von den Toten auferstanden ist." In den Folgejahren macht sich das Vermögen auf die Reise um die Welt und wächst in den Milliardenbereich. "Eine umfassende Aufklärung wird nicht möglich sein", sagt Schnappauf. "Zurückzuführen ist das auf den Angeklagten selbst, der uns im ganzen Verfahren mit der Unwahrheit bedient hat."

Unrechtsbewusstsein zeigt der Angeklagte bis zum Schluss nicht. Der Staatsanwalt zitiert aus einem alten Brief: "Ich bin ein solider Geschäftsmann." Wolfgang S. nickt. Das Genick bricht ihm die Strafe wegen ähnlicher Betrugsfälle aus München 2007, drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Die Verbindlichkeiten daraus zahlte übrigens der Unternehmer aus dem Landkreis Tirschenreuth. "Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht", sagt Schnappauf. Für die Fälle bis 2010 fordert er fünf Jahre Haft, für die bis 2013 zehn. Der Staatsanwalt bleibt beim Monopoly: "Bleiben Sie im Gefängnis. Gehen Sie nicht über Los. Und ziehen Sie um Gottes Willen nichts mehr ein."

Fortsetzung 15. April

Am Mittwoch, 15. April, sollen die Verteidiger plädieren. Wann das Urteil fällt, steht noch nicht fest.
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