Stille Typen bauen weniger Unfälle

Dr. Doris Märtin mit ihrem neuen Buch "Leise gewinnt". Bild: Kunz

Die gebürtige Weidenerin Dr. Doris Märtin spricht laut über leise Menschen. Zuhören lohnt sich. Denn Introvertierte würden viel zu oft unterschätzt.

"Leise gewinnt - So verschaffen sich Introvertierte Gehör" sei ein ziemlich persönliches Buch, sagt Dr. Doris Märtin. Beim Campus-Verlag hat sie dieses ihr 17. Buch veröffentlicht. "Obwohl ich sehr gern kommuniziere, bin ich eher ein nach innen gewandter Mensch, der auch viel Zeit für sich braucht."

Deshalb beschäftigt sie das Thema schon seit gut zehn Jahren. "Seit ich in den USA das erste Buch dazu in der Hand hatte." Es bestätigte, was sie aus eigener Erfahrung kannte: Leise Menschen entsprechen nur bedingt dem vorherrschenden Persönlichkeitsideal, sagt die gebürtige Weidenerin, die heute in Augsburg lebt. Dafür sind sie je nach Typ zu in sich gekehrt, sensibel, schüchtern oder auch eigenbrötlerisch.

"Die Leisen, das sind die Menschen, die man in der Regel nicht als Alpha-Menschen wahrnimmt. Sie haben zwar mindestens so gute Ideen wie Laute, versäumen es aber, sie auch gut zu verkaufen." Introvertierte sollten sich deshalb ihre Vorzüge bewusst machen. "Leise Menschen gehen den Dingen auf den Grund, hören genau zu, erfassen Feinheiten und arbeiten sehr strukturiert."

Sie lieben die Stille, bauen im Schnitt weniger Unfälle, führen längere Ehen und pflegen weniger, aber tiefere Freundschaften als laute Menschen. "Im Job zeichnen sie sich dadurch aus, dass sie Risiken besonnen managen, ohne Druck verhandeln und oft auch unabhängiger denken als Extrovertierte." Oder anders: "Sie machen keine Show und jagen weniger dem Mainstream hinterher."

Trotzdem kämen Extrovertierte beruflich oft leichter voran. Schon beim Vorstellungsgespräch verkaufen sie sich selbstbewusster. "Introvertierte halten sich beim Smalltalk mehr zurück, präsentieren sich weniger offensiv, setzen auf Understatement und versprechen lieber zu wenig als zu viel." Bei ihnen stünde die fachliche Leistung im Vordergrund. "Im Bewerbungsinterview punkten sie zum Beispiel mit viel Vorwissen über das Unternehmen."

Der Hauptunterschied zwischen Introvertiert- und Extrovertiertheit sei aber ein anderer, als man gemeinhin glaube. Intros und Extros laden nämlich auf andere Art ihre Batterien auf. Extros stärkt das Zusammensein mit vielen Menschen. "Sie genießen das Oktoberfest, den Stadtmarathon oder die große Party. Je mehr Rummel, desto schöner."

Ähnlich wie Angela Merkel

Intros fänden genau das sehr anstrengend. "Sie ziehen ihre Energie aus der Ruhe heraus, aus der Musik, aus einem Waldspaziergang oder aus Treffen mit wenigen, vertrauten Menschen." Wie Doris Märtin erklärt, gibt es viele hoch erfolgreiche Introvertierte. "Angela Merkel ist ein bekanntes Beispiel. Oder Barack Obama. Bei aller rhetorischen Brillanz wirkt er auch distanziert und manchmal unterkühlt." Ein Merkmal, dass bei Introvertierten häufig auftrete.

Die Beispiele zeigen: Introvertiertheit hat viele Gesichter. Eines aber haben die verschiedenen Intro-Typen gemeinsam, meint Märtin: Sie werden deutlich unterschätzt.
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