Tagebuch als Bewältigungsstrategie am Weidener Klinikum - Patientennachsorge: Bewusstlosigkeit ...
Intensive Erinnerungen

Eine Blume der Hoffnung erstrahlt auf dem Intensiv-Tagebuch. Bild: ske
Ein kleines blaues Buch mit einer Sonnenblume auf dem Einband. Noch ist es leer, als die Angehörigen eines Bonner Rentners es auf der Intensivstation im Weidener Klinikum vom Personal bekommen. Aber das wird nicht lange so bleiben, "inzwischen schreiben wir alle jeden Tag einige Zeilen in das Buch", meint die Tochter des Patienten.

Kurz nach seiner Goldenen Hochzeit wurde der 75-Jährige mit einem schweren Schlaganfall eingeliefert. Er liegt im künstlichen Koma, die Sorge um den zuvor gesunden Ehemann und Vater macht die Angehörigen hilflos. Mit dem Eintragen ihrer Erlebnisse in das blaue Buch haben sie nun eine Möglichkeit, diese Gefühle zu verarbeiten.

Vor wenigen Monaten erst hat das Ethikkomitee der Kliniken Nordoberpfalz dieses Intensiv-Tagebuch auf Initiative der Intensivpflegenden Verena Schuller, Sabine Aures und Tobias Roßmann eingeführt - finanziert durch Sponsoren. Gestaltet haben es die drei bei einer Fachweiterbildung.

Die Idee dazu stammt aus Skandinavien und England. Dort wurde diese Form der Patientennachsorge vor etwa 20 Jahren entwickelt. In Weiden wird das Projekt in Zusammenarbeit von Pflegekräften, Ärzten, Klinikseelsorgern und Klinischem Ethikkomitee (KEK) betreut. Neben der Hilfe für die Angehörigen hat das Tagebuch noch einen weiteren Nutzen: Nach dem Aufwachen kann der Patient die Zeit seiner Bewusstlosigkeit rekonstruieren und traumhaft erscheinende Erlebnisse verarbeiten. "Das Tagebuch erfüllt keinen Selbstzweck, es hilft den Angehörigen eines Patienten, mit der Situation zurecht zu kommen. Sie können so die Situation reflektieren", stellt Andreas Faltlhauser, Oberarzt und Mitglied im Ethikkomitee, fest. Auch wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass rund 30 Prozent aller Komapatienten mit posttraumatischen Belastungsstörungen kämpfen. Das Tagebuch soll helfen, diese Zahl zu reduzieren.

Menschlicher Gesichtspunkt

Dabei haben auch die Einträge von Ärzten und Pflegepersonal einen hohen Stellenwert. "Sie bewerten ihre eigene Arbeit für den Patienten nicht nur unter dem medizinischen, sondern auch unter dem menschlichen Gesichtspunkt", erklärt Faltlhauser. In Weiden kommt das Buch auch in der Kinderklinik zum Einsatz. Damit erhalten die Angehörigen der Patienten auf allen vier Intensivstationen ein solches Tagebuch.
Weitere Beiträge zu den Themen: September 2014 (8406)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.