Tod durch Thrombose mit 34

Heute nehme ich keine Pille mehr. Ich bin ja nicht lebensmüde.
Lokales
Weiden in der Oberpfalz
11.10.2014
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"Ich war sauber mal zweieinhalb Stunden tot", erzählt Melanie Przybyla. Es grenzt an ein Wunder, dass die 36-Jährige das erzählen kann. Ärzte sagen ihr das immer wieder. Genau ihnen macht die Weidenerin aber auch schwere Vorwürfe.

Weder Haus- noch Frauenarzt stellten bei Melanie Przybyla die richtige Diagnose: Thrombose. Dabei kam die damals 34-Jährige immer wieder zu ihnen und klagte über Atemnot, Herzrasen, Schwindel. "Man sollte meinen, Ärzte würden erkennen, was mit einem los ist. Aber die denken alle, für Thrombose ist man zu jung. Mich hat man mit Anti-Depressiva abgespeist. Ich hätte Panikattacken." Nur zwei Tage später, am 1. Dezember 2012, brach die Weidenerin vor ihrem Haus zusammen. Ein verschlepptes Blutgerinnsel verschloss die Gefäße der Lunge.

Nun will sie mit ihrer Geschichte auf den Welt-Thrombose-Tag am Montag, 13. Oktober, hinweisen und für die Krankheit sensibilisieren - vor allem die Ärzteschaft. "Die Mediziner sollen die Augen weiter aufmachen und sich mehr bemühen, die Thrombose und Lungenembolie rechtzeitig zu erkennen und zu behandeln."

Betroffenen bietet die Weidenerin selbst schon eine Plattform. Vor einem Jahr gründete Melanie Przybyla eine Selbsthilfegruppe auf Facebook. "Vor Ort gibt es leider keine." Auf ihrer Plattform in Netz tauschen sich aktuell 460 Leute deutschlandweit zu den Themen "Thrombose, Lungenembolie, Gerinnungshemmer" aus. Auffällig: Es sind viele junge Frauen darunter, die die Pille nehmen. Aber auch junge Männer sind betroffen.

Kaum Überlebenschancen

Als der Sanka vor knapp zwei Jahren mit Melanie Przybyla in der Notaufnahme des Weidener Klinikums ankam, stand ihr Herz plötzlich still. Ganze zweieinhalb Stunden wurde sie reanimiert, sie bekam Blutverdünner und die alten Thrombosen wurden entfernt. Dann lag Melanie Przybyla im Koma. "Meine Überlebenschance betrug ein Prozent. Womöglich würde ich ein Wachkoma-Patient, meinten die Ärzte. Mehr sei wohl nicht drin, weil mein Gehirn zu lange ohne Sauerstoff war." Zwölf Tage später geschah das Unfassbare: Die Weidenerin schlug auf der Intensivstation die Augen auf.

Sie fragte nach Wasser und feierte einige Tage später ihren 35. Geburtstag. Kurz darauf trat sie diverse mehrmonatige Rehamaßnahmen in Regensburg, Kipfenberg (Landkreis Eichstätt) und Bayreuth an. Noch heute arbeitet sie fast täglich im Therapie- und Trainingszentrum St. Michael daran, wieder richtig laufen zu können. Das klappt mittlerweile ganz gut. "Aber die Angst bringe ich nicht mehr aus dem Kopf."

Denn seit diesem Jahr weiß die heute 36-Jährige von ihrem Faktor-V-Leiden. Festgestellt wurde es im Bezirksklinikum Regensburg. Es verursacht eine Erbkrankheit, die die Blutgerinnung stört. "Wer dann noch die Pille einnimmt, wird zum Hardcore-Risikopatienten." Nicht-Raucherin Melanie Przybyla verhütete Jahre auf diese Art. Zuletzt mit der bereits mehrfach in Verruf geratenen Pille der dritten Generation. "Heute nehme ich keine Pille mehr. Ich bin ja nicht lebensmüde."

Aber enttäuscht ist sie von ihrem Frauenarzt, weil er noch kurz vor der Lungenembolie erklärte, die Pille könne hier nicht ursächlich sein für die Beschwerden. Dabei geht sie noch weiter und fragt: "Warum macht kein Frauenarzt diesen Gerinnungstest auf das Faktor-V-Leiden, bevor er die Pille verschreibt?" Sie vermutet, mit Test hätte ihr Vieles erspart bleiben können. Trotzdem hegt sie keinen Groll gegen die Ärzte, die die Weidenerin damals aufgesucht hat. "Ich nehme das weder meinem Ex-Haus- noch meinem Ex-Frauenarzt übel. Ich finde, die ganze Ärzteschaft muss sich mehr bemühen." Davon ausnehmen will die Weidenerin ausdrücklich das Team am Klinikum: "Ihnen bin ich unendlich dankbar. Ohne sie, gäb's mich nicht mehr. Ich bin dort allen unendlich dankbar."

Melanie Przybyla arbeitet wieder. Sie ist in der Drogenberatung in der US-Army tätig. Damit ist ein Stück Normalität in ihren Alltag eingekehrt, der sich ansonsten so stark verändert hat: Alle drei Tage testet die 36-Jährige ihr Blut. Je nach Ergebnis passt sie die Dosis ihres Blutgerinnungs-Mittels an, wie sie es in einer Schulung gelernt hat. Das wird sie ihr Leben lang machen, sagt sie.

Die Angst bleibt

Zugleich kämpft sie weiter mit ihren krampfenden Beinen, besucht das Therapiezentrum, Logopäden und Ergotherapeuten. "Ich spüre nur noch meine Fußsohlen. Die Nerven in meinen Beinen sind taub. Aber ich schaffe es schon wieder, einen Kilometer am Stück zu gehen." Wäre da bloß nicht diese Angst vor einer neuen Thrombose: "Das bekomme ich wohl nie wieder aus dem Kopf."

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Weitere Informationen im Internet: www.facebook.com/groups/lungenemboliethrombose/?fref=nf
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