Tsunami löst Welle der Hilfe aus

Der alte Röntgenraum (links), 2005 fotografiert, und (rechts) der neue Röntgenapparat nach westlichem Standard.

Weit über 200 000 Menschenleben forderte der Tsunami am 26. Dezember 2004. Doch nach dieser Katastrophe rollten zwei weitere Wellen an - im positiven Sinn: Eine Welle der Hilfsbereitschaft der asiatischen Bevölkerung gegenüber ausländischen Opfern. Und eine Welle der Hilfe im Ausland für Asien. Das Klinikum Weiden mischte eifrig mit.

Dr. Manfred Hausel, als Ärztlicher Direktor des Weidener Klinikums inzwischen im Ruhestand, liegt diese Hilfsaktion besonders am Herzen. Kein Wunder: Schließlich war seine Tochter Eva von dem Unglück persönlich betroffen. Die junge Frau war als Urlauberin in Sri Lanka von der Todeswelle erfasst worden, ebenso wie ihr Freund Jörg (wir berichteten). Sie hatte Glück, überlebte. Ihr Freund konnte - etwa zwei Wochen später - nur noch tot geborgen werden.

2004: Miserable Zustände

Dr. Hausel, 2004 noch Chefarzt am Weidener Klinikum, war für die Rettung seiner Tochter und die Hilfsbereitschaft, die sie durch die einheimische Bevölkerung erfahren hatte - speziell durch Rajith Premachandra - so dankbar, dass er unbedingt etwas zurückgeben wollte. Dem Singhalesen Rajith ermöglichte er einen Aufenthalt in Deutschland. Für das Krankenhaus in Tangalle - "meine Tochter ist nach dem Tsunami dort behandelt worden" - fädelte er eine Partnerschaft mit dem Klinikum Weiden ein. "Aus Dankbarkeit und weil meine Tochter erzählt hat, dass die hygienischen Zustände dort ganz miserabel sind, obwohl das Krankenhaus von der Flutwelle überhaupt nicht betroffen war."

Bei Klinikumsvorstand Josef Götz stieß der Mediziner mit seinem Vorschlag gleich auf offene Ohren. Und auch die Belegschaft zog voll mit, als es um die Unterstützung der Einrichtung auf Sri Lanka ging. Zehn Jahre sind seitdem vergangen. Die Partnerschaft erwies sich als voller Erfolg. "Heute bietet das Krankenhaus tolle Leistungen nach westlichem Vorbild." Eine Aussage, die Dr. Hausel anhand zahlreicher Bilder belegen kann. Einen wesentlichen Beitrag dazu leistete auch der Engländer Nick Buckingham.

Kaum zu glauben, wie sich das District Hospital in Tangalle in dieser Zeit gewandelt hat. Dabei stand für die Helfer in Weiden eines von vornherein fest, wie Dr. Hausel betont: "Wir geben in der Regel kein Geld. Wir unterstützen das Krankenhaus mit unserem Know-how und helfen so beim Aufbau eines wirklich guten Hospitals." Aus der Ferne war das nicht zu machen. Also reisten Schwestern, Pfleger, Ärzte, Apotheker abwechselnd für sechs Wochen nach Sri Lanka, um vor Ort festzustellen, woran's fehlt und wie sich der Mangel abstellen lässt. "Innerhalb kurzer Zeit haben sich da 30 Leute gemeldet", ist Dr. Hausel heute noch begeistert. "Da war eine Riesenbereitschaft zur Hilfe vorhanden, einfach unglaublich."

Kopf der Aktion: Lisa Kopf

"Let's give a Hand", lautete das Motto für die Partnerschaft. Sohn Christoph Hausel, Inhaber einer Werbeagentur in München, entwickelte den passenden Flyer, mit dem auch um Unterstützung bei Ministerien und Ämtern geworben wurde. Denn, auch wenn die Hilfe aus Deutschland willkommen war: "Das Krankenhaus ist staatlich, und das Personal führt letztlich nur die Aufträge aus dem Ministerium aus. Es ist deshalb nicht leicht, etwas neu zu organisieren, beispielsweise was die Hygiene betrifft." Geschafft hat das letztlich die Intensivkrankenschwester Lisa Kopf.

"Sie wollte ursprünglich für ein Jahr runter und ist dann drei Jahre geblieben", blickt Dr. Hausel zurück. "Sie hatte die Gouverneurin und andere wichtige Leute auf ihrer Seite und dadurch unheimlich viel erreicht."

Zum Beispiel die Einrichtung eines Operationssaales, den es vorher gar nicht gab. Den Bau selbst hat der Engländer Nick Buckingham finanziert, wie überhaupt sämtliche Sanierungsarbeiten, die Kosten für neue Betten, eine nagelneue Küche (vorher wurde noch auf offenem Feuer gekocht), ein Röntgengerät, ein Beatmungsgerät und vieles mehr. "Nick Buckingham wollte ursprünglich eigentlich ein Hotel auf Sri Lanka bauen. Doch als er die Not nach dem Tsunami sah, hat er ganz viel Geld in das Krankenhaus gesteckt." Zum Glück der Patienten und der Angestellten, denn die Arbeitsbedingungen haben sich inzwischen entscheidend gewandelt.

Unterschiedliche Normen

Dr. Hausel selbst überzeugte sich bei seinen - fast - jährlichen Besuchen ebenfalls von den Fortschritten. "Aufgabe unserer Experten war es, den Mitarbeitern die richtige Handlungsweise beizubringen. Staub zum Beispiel war für die ganz normal, im Krankenhaus genauso wie Zuhause." Alles andere als hygienisch, also.

Und immer wieder fällt der Name Lisa Kopf. "Nick hat die Geräte finanziert. Aber Lisa hat die komplette OP-Ausstattung vor Ort besorgt. Das war uns wichtig, damit die Geräte auch vor Ort gewartet werden können", erzählt Dr. Hausel. "Lisa hat Wasserfilter für alle Stationen angeschafft und einen ,Placenta Pit' anlegen lassen." Denn man höre und staune: Früher wurde der Mutterkuchen in den Garten geworfen und von Ziegen gefressen. Jetzt hält ein hoher Zaun die Tiere ab, die Plazenta wird fachgerecht entsorgt, ebenso wie anderer Abfall, der früher oft aus dem Fenster flog.

Sanitäranlagen, Röntgenraum, Krankenzimmer, Küche - alles war in erbärmlichem Zustand. Inzwischen erstrahlt alles in neuem Glanz und es gibt völlig neue Abteilungen. Die Zahlen, die Dr. Hausel nennt, sprechen für sich: Das Hospital hat jetzt 5 Stationen mit je rund 20 Betten, 70 Pflegekräfte und 30 Ärzte. Es wurde deshalb vom District Hospital zum Base Hospital hochgestuft. Seit 2006 verfügt es über einen OP-Saal: Die Zahl der Operationen stieg seitdem von 256 auf 9682 im Jahr 2013.

Es gab keinen Kreißsaal. Entbindungen wurden nur im äußersten Notfall durchgeführt, wenn die Frauen die Fahrt in das 70 Kilometer entfernte Krankenhaus mit Entbindungsstation nicht mehr schafften. Inzwischen liegt die Zahl der Geburten bei rund 400 im Monat. Zum Vergleich: "In Weiden sind es 1200 im Jahr." Pro Tag werden in Tangalle durchschnittlich 400 Patienten ambulant behandelt. Einmal pro Woche wird die Ultraschalluntersuchung für Schwangere angeboten, zu der zwischen 100 und 200 Frauen teils von weit her kommen. Seit 2006 verfügt das Hospital auch über eine gut ausgestattete Intensivstation, in der die Patienten - wie Dr. Hausel festgestellt hat - "sehr gut versorgt werden".

"Software" aus Oberpfalz

Etwa 630 000 Euro hat der Buckingham Trust insgesamt investiert. Aus Weiden und Umgebung flossen rund 100 000 Euro - darunter 12 500 vom Lions-Club Neustadt Lobkowitz - an Spenden unter anderem zur Finanzierung von Flügen und Aufenthalt der Weidener Fachkräfte. "Nick hat für die Hardware gesorgt", sagt Dr. Hausel, "wir für die Software".

Von Anfang an war die Partnerschaft zwischen dem Klinikum Weiden und Tangalle auf 10 Jahre angelegt. Die sind jetzt vorbei. Dr. Hausel hat das Projekt mit seinem Pendant in Sri Lanka - dem Ärztlichen Direktor Abesiri Wardana - bereits vor Monaten offiziell beendet. Schwester Lisa Kopf - inzwischen mit einem Singhalesen verheiratet und in Bamberg tätig - hat im Oktober noch einmal Geld aus Weiden nach Tangalle gebracht. "Jetzt haben wir nur noch einen kleinen Rest", erzählt Dr. Hausel. Damit dürfte Hausmeister Nimal noch etwa ein Jahr finanziert werden können, schätzt er. Der spielt eine wichtige Rolle. "Früher galt ein Gerät als kaputt, wenn die Batterie leer war." Heute sorgt der Hausmeister dafür, dass es weiter in Schuss bleibt. Mehr ist nicht vorgesehen.

"Aber wenn es Spitz auf Knopf kommen sollte", meint Dr. Hausel, "würden wir sicher wieder helfen."
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