Über Allah und die Welt

Beinahe jeden der 30 Verhandlungstage ist der älteste Angeklagte im Schleuserprozess, Issa M. (49), explodiert. Am Mittwoch lernte das Gericht eine neue Seite des halsstarrigen Inguschen kennen: die eines Vaters, der sich Europa nur wegen der Kinder antut. "Ehrlich gesagt, mag ich Europa gar nicht und habe es nie gemocht."

Das hat der kleine Mann nicht freiwillig erzählt. Es ist Inhalt eines mitgeschnittenen Telefongesprächs. 20 Anschlüsse hatte die Bundespolizei München im Sommer 2013 abgehört. Folge war unter anderem der Prozess gegen die fünf Herren, die seit Dezember mit ihren zwölf Anwälten im Weidener Schwurgerichtssaal sitzen. Die Anklage umfasste 29 Schleusungen von 175 Landsleuten von Polen nach Deutschland. Auch über Waidhaus - daher Gerichtsort Weiden.

Die Telefonate sind ein Hauptbeweismittel und meistens kurz, knapp, fad: Wie viele? Wann? Was kostet es? Anders das Gespräch, das Issa M. im August 2013 mit einer Landsfrau namens Fatima führte. Er: Schleuser in Berlin. Sie: Kundin in Inguschetien (westlich Tschetschenien). Beide kennen sich von früher und plaudern über Allah und die Welt. Das Gespräch fällt mitten in den kaukasischen Exodus: 2013 beantragten laut Bundesamt für Migration 13 000 tschetschenische Volkszugehörige Asyl in Deutschland.

Auch Fatima, elffache Oma, will mit ihrem Mann die Heimat verlassen. Den Kindern hinterher. Issa erklärt die Route über Brest (Weißrussland) mit dem Lokalzug nach Terespol in Polen. "Dort habe ich Freunde, die Leute befördern, illegal mit den Autos nach Berlin." Fatima will weiter nach Straßburg zum Sohn. Kein Problem, meint Issa: "Ich werde Tickets kaufen: Berlin-Strasbourg." Aus alter Freundschaft bietet der 49-Jährige die Schleusung von Polen bis Berlin für 500 Euro an. Üblich seien 1100 Euro. Wenn er es einrichten könne, komme er selbst nach Polen. "Dann werdet ihr gar nichts zahlen."

Was für ein Leben erwartet die Kaukasier in Europa? Issa M. macht keine großen Hoffnungen. "Es ist schwierig, hier zu verdienen." Er selbst gewöhne sich nur schwer ein. "Man muss die Sprache erlernen, ihre Kultur, sich in ihr System einfügen." Das dauere gut und gern 20 Jahre. "Und danach bleibt nichts mehr vom Leben übrig."

Eine Einserschülerin

"Nur für die Kinder besteht eine Perspektive." Seine Kinder leben in Belgien. Der Ingusche lobt stolz die 14-jährige Tochter: "Mein ältestes Mädchen ist eine so gute Schülerin." Sie spreche fünf Sprachen und habe es mit lauter Einsern an die höhere Schule geschafft. Sein Sohn leide an Kammertachykardie, einer lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörung. In Belgien und den Niederlanden erfahre er die bestmögliche Behandlung und sei mehrfach operiert worden. Dennoch fiel der Asylbescheid negativ aus. Man könne den Buben in Moskau versorgen, argumentiere die belgische Behörde. Issa: "Von Nasran bis Moskau sind es 2000 Kilometer!"

Seine Familie ziehe seit drei Jahren von einem Gericht zum nächsten. Selbst Frauen und Kindern, deren Väter getötet wurden, würde kein Asyl gewährt. "Dabei weiß faktisch ganz Europa, dass dort (in Tschetschenien) stiller Krieg herrscht."

Die Angeklagten sind Muslime. Der Freitag, 17. Juli, ist als Prozesstag gestrichen worden: Da ist Fastenbrechen nach dem Ramadan. Bei allem Glauben spötteln Issa und Fatima über ihre allzu frommen Nachfahren. Fatima berichtet von einer Episode, die sich bei einem Besuch bei ihrem Sohn und den Enkeln in Ägypten zugetragen hat. "Dieser Dreijährige hat aufgepasst, dass ich nicht zufällig mit dem offenen Gesicht zum Wäscheaufhängen auf den Balkon rausgehe. Er brüllte: Zieh den Nihab an!" Issa lacht. Auch das ist dokumentiert.

Lacher für Richter

Schmunzeln durfte am Ende das Gericht. Fatima, die den Angeklagten offenbar gut kennt, fragt: "Bist du inzwischen ruhiger geworden, Issa?" Und der antwortet: "Vielleicht müde. Aber nicht ruhig."
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