Über den Krieg Jüdin versteckt

Weiden in der Oberpfalz. Mai 1942. Die Stadt ist "judenfrei". Das verkünden zumindest die Nazis im Alten Rathaus. Sie haben sich getäuscht. In einer Dachwohnung am Unteren Markt 14, da, wo heute "Wöhrl" steht, wird eine Jüdin versteckt. Einen Steinwurf von den braunen Machthabern entfernt.

(ca) Rosa Hoffmann, zu Beginn ihres Untertauchens 46 Jahre alt, eine kleine, zierliche Frau mit dunklem Haar. Die Tochter der jüdischen Familie Rebitzer ist mit dem evangelischen HNO-Arzt Dr. Friedrich Hoffmann verheiratet. Der Mediziner wird von Kollegen geschnitten. Die Mischehe kann Rosa nicht länger schützen. Kein einziger Jude, der sich nach 1942 noch in Weiden aufhält, überlebt den Holocaust.

Rosa Hoffmann hat sich 1939 in die Anonymität Berlins abgemeldet. Als auch dort die Bedrohung zunimmt, holt sie ihr Mann heimlich nach Weiden zurück. 1944 taucht sie bei zwei Weidener Familien unter, die sie abwechselnd beherbergen und damit ein hohes persönliches Risiko eingehen: die Familien Rott und Schuller.

"Unvorsichtig war sie auch"

Das wäre zum einen Schlosser Nikolaus Rott, selbst verfolgter Sozialdemokrat, später Ehrenbürger der Stadt. Er ist unter der Woche bei der Reichsbahn im Brückenbau eingesetzt. Freitags kehrt er zurück zu seiner Frau Anna ins Bahnwärterhäuschen unweit des heutigen Media-Markt-Parkplatzes. Das Häuschen ist klein. In einer Nische im Dachgeschoss verbringt Rosa ihre Tage. Rott erinnerte sich 1984 im Interview mit Toni Siegert: "Zum Essen kam sie herunter aus ihrem Zimmerchen. Unvorsichtig war sie auch: Manchmal zündete sie nachts das Licht an und schaltete das Radio ein. Um zu hören, wie lange es noch dauert."

Und da wäre als zweites Versteck die beengte Dachwohnung am Unteren Markt 14. Hier lebt das aus Waidhaus stammende Ehepaar Schuller mit Tochter Katharina, 1944 ist diese 24 Jahre alt. Der Vater ist ein schwerkranker Glasmachergehilfe mit kleiner Rente. Er ist bettlägerig, was sich als hilfreich erweist. Es fällt nicht auf, wenn Mutter Ursula die Bettpfannen ihres Mannes (und des heimlichen Gastes) im Hof entleert.

Was verbindet diese beiden Familien? Katharina Schuller und Nikolaus Rott kennen sich aus der Eisenhandlung Neumeier, wo Katharina arbeitet und Nikolaus einkauft. Später wird er ihr Schwiegervater: Sohn Heinrich Rott und Katharina heiraten 1946 und bekommen Heinrich junior, der heute im Schwarzwald lebt.

Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet bei den Neumeiers die Fäden zusammenlaufen. Hier trifft sich eine Art Widerstandszelle, wie es sie in Weiden nicht noch einmal gegeben haben dürfte. Die Familien Neumeier, Schuller, Rott: Ihr Misstrauen gilt den Nationalsozialisten. Ihr Mitgefühl gilt ihren jüdischen Freunden.

Mit Entsetzen haben sie das Schicksal der 1933 noch 168 gemeldeten Weidener Juden erlebt. Keinem einzigen gelingt es, das "Tausendjährige Reich" in Weiden zu überleben. Bis 1938 flieht fast die Hälfte ins Ausland. Nach dem Novemberpogrom sehen die letzten keine Zukunft mehr. Etwa Viehhändler Leopold Engelmann, der 1939 nach Kenia auswandert. 1947 erwähnt er in einem Brief an seine Weidener Freunde: "Ich kenne Familie Schuller als ehrenwerte, anständige und tapfere Leute."

Zwölf Juden sind 1942 noch in der Stadt. Sie werden im Frühjahr in Güterzügen in den Osten deportiert. Darunter befindet sich die vierköpfige Familie Hausmann mit den Söhnen Hermann (17) und Willi (15). Als sie ihr Haus in der Sedanstraße 1939 an Nazi-Bürgermeister Hans Harbauer verkaufen müssen, wohnen sie ebenfalls im Wöhrl-Anwesen Unterer Markt 14 - bis zur Deportation.

Jahrzehntelang hat Katharina Rott einen Brief aufbewahrt. Mit Bleistift gekritzelt auf schlechtem Kriegspapier. Der 18-jährige Hermann schreibt aus dem Lager Trawniki, Polen, am 1. April 1943. "Liebe Schullers! Wenige Tage fehlen noch, dann ist es ein Jahr, dass wir uns nicht gesehen haben. Viel Gutes habe ich Euch nicht mitzuteilen. (...) Der liebe Papa ist an Flecktyphus hier gestorben. (...) Ich war die letzten Stunden bei ihm, er erkannte mich da schon nicht mehr, ich drückte ihm die Augen zu." Dieser Brief ist das letzte Lebenszeichen von Familie Hausmann.

Nach diesen Erfahrungen setzt Familie Schuller ihr Leben aufs Spiel, um zumindest Rosa Hoffmann zu retten. Immer wieder wechselt man das Versteck: Rott-Sohn Heinrich (auf Fronturlaub) und Schuller-Tochter Katharina begleiten dabei die Jüdin auf ihrem Weg von der Altstadt zum Wörnzgraben und zurück. 15 Monate dauert das gefährliche "Versteckspiel". Im Haus am Unteren Markt versetzt Ehemann Friedrich Hoffmann die Helfer in helle Aufregung, als er - entgegen der Absprache - auftaucht, um seine Frau zu sehen. Michael Brenner berichtet von einem Vorfall, bei dem sich Rosa bei einem Treffen mit ihrem Mann bäuchlings im Bach verbarg, während der Arzt plaudernd die SS ablenkte.

Bis auf die raren, unten genannten Quellen gilt: Über Einzelheiten des Untertauchens ist nahezu nichts überliefert. Von Rosa Hoffmann selbst gibt es eine Aussage bei der Staatsanwaltschaft Weiden von 1947: "Ich möchte bemerken dass ich im Jahr 1944 als rassisch Verfolgte auf der Flucht war und bei der Familie Schuller vorübergehend Aufnahme gefunden habe." Sie lebt weiter in Weiden, später geschieden von ihrem Mann Friedrich. Regelmäßig besucht die kinderlose Frau sonntags Heinrich und Katharina Rott in der Ermersrichter Straße, wo sich die Familie niedergelassen hat. Deren Sohn Heinrich junior, ein Nachkriegskind, erinnert sich an sie als "freundliches, kleines, zierliches Persönchen".

Freundschaften hielten

Auch an Leopold Engelmann aus Kenia kann sich der Rott-Enkel noch gut erinnern. Der ehemalige Viehhändler und seine Frau besuchten die Familie nach dem Krieg noch mehrfach. Frau Engelmann beeindruckte den jungen Heinrich als wasserstoffblonde Dame, die Zigarette mit Spitze rauchte: "Man konnte sich prima mit ihr unterhalten." Leopold Engelmann erzählte bei diesen Besuchen in den 50er und 60er Jahren auch, wie sehr er Otto Hausmann zugeredet hatte, mit ihm auszuwandern: "Ihr werdet hier nicht überleben." Hausmann sei der Meinung gewesen: "So schlimm wird's nicht."

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Quellen: Heinrich Rott, Dr. Sebastian Schott: "Weiden a mechtige kehille", Staatsarchiv Amberg: Briefe und Unterlagen der Staatsanwaltschaft, Michael Brenner: "Am Beispiel Weiden", Toni Siegert: "Licht und Schatten".
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