Und nächstes Jahr ein Christbaum

Ich wünsche mir, im nächsten Jahr ohne Stress zu leben. Einfach weiterzuleben.

Gemeinsam feiern im "Scout" Oberpfälzer Jugendliche und junge Flüchtlinge Weihnachten. Beide Seiten erzählen dabei, was das Fest für sie bedeutet. Mit teils komischen Einsichten.

Als Jasin Jafari - 22 Jahre alt, geboren in Afghanistan und heute Flüchtling in Weiden - zum ersten Mal dem Weihnachtsmann gegenüberstand, dachte er: "Komisch!" Jafari lacht. "Du siehst ihn - großer Bart, rote Mütze, rote Kleidung. Ich hab gedacht: Vielleicht ist das ein besonderer Mensch."

Was dieser komische, besondere Mensch ist, wofür er steht: Jafari weiß es inzwischen natürlich. Seit fünf Jahren lebt der junge Mann in Weiden. Noch bis Sommer geht er in eine Klasse für Flüchtlinge an der Europa-Berufsschule. Jetzt sitzt er aber nicht vor dem Pult, sondern im Jugendtreff "Scout". Die Oberpfälzer Jugendlichen dort haben ihn und seine Klassenkameraden, die teils erst kurz in Deutschland sind, zu einer gemeinsamen Weihnachtsfeier eingeladen. Es geht um Kennenlernen, vielleicht Freundschaften schließen und darum, den Flüchtlingen zu erklären, was dieses Fest mit dem bärtigen Mann eigentlich soll.

Tessa Kraus, eine "Scout"-Praktikantin der FOS, hat die Feier organisiert. Es ist tatsächlich eng geworden, weil nicht nur viele junge Flüchtlinge, sondern auch Einheimische gekommen sind. Hier Abwechslung zum oft eintönigen Alltag im Lager, in dem einige der Berufsschüler leben. Da Neugier auf die Neuen, Offenheit.

Erst gemurrt, dann geladen

Die Idee zu der Feier hatten die deutschen Jugendlichen von selbst, erzählt Tanja Koller vom "Scout". Also hocken nun, dicht an dicht, junge Weidener neben Afrikanern und Asiaten. In den Schalen Lebkuchenherzen und Plätzchen, Kerzen brennen. Die Lautsprecher verkünden "We wish you a merry christmas". Ganz klassisch.

Wie bei jeder Feier ist es am Anfang ein wenig zäh. Wie bei jeder Feier gibt es aber auch welche, die einfach den Mund aufreißen und das Eis brechen. Organisatorin Tessa erklärt den Flüchtlingen unterdessen das Wichtigste zu Weihnacht in Deutschland. Was der Adventskalender bedeutet. Wie wichtig Plätzchen sind. Dass man vor diesem Krampus besser Respekt haben sollte, das, berichtet ein Berufsschüler, habe er auch schon gelernt. Lachen müssen da alle. Wird doch.

Jafari sitzt derweil etwas abseits und erzählt, wie er Weihnachten anfangs erlebt hat. "Es ist schon interessant. Du kommst in die Stadt, und dann ist da ein Weihnachtsmarkt, es gibt so viel zu trinken und zu kaufen. Die Fußgängerzone ist voll." Es ist eben "eine ganz andere Kultur". In seiner alten Heimat, in Afghanistan, sind die großen Feste natürlich andere. Das Ende des Ramadan, zum Beispiel. Das ist auch die Zeit, in der er heute Eltern, Bekannte besonders vermisst.

Weihnachten ist da einfacher. Schon allein, weil Jafari - anders als die meisten Menschen um ihn herum - keinen Stress hat. "Ich bin ganz locker. Ich muss nicht an Geschenke denken", sagt er mit einem Grinsen. Wünsche zu Weihnachten, die hätte er aber trotzdem. Allerdings nicht die typischen. "Ich wünsche mir, im nächsten Jahr ohne viel Stress zu leben, einfach weiterzuleben." Auch sonst fällt ihm nichts Hochtrabendes ein. "Gesund bleiben." Außerdem erzählt er von einem Ausbildungsplatz als Kfz-Mechatroniker, das wäre aber nur ein Traum. "Und vielleicht meine Familie in Afghanistan besuchen."

"Für mich normal"

Im Vergleich zu dem, was sich andere vor dem Freudenfest wünschen, ist Jafari damit noch wenig deutsch. In anderer Hinsicht färbt die neue Heimat dagegen immer mehr ab. Vor allem an Weihnachten. "Am Anfang fand ich es interessant, was die Leute zu der Zeit machen. Aber jetzt ist es für mich normal. Vielleicht", sagt er, "kaufe ich nächstes Jahr auch einen Weihnachtsbaum."
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