Unfassbare Grausamkeit

Bevor Dr. Volker Wappmann (rechts) sein Referat über die Ofenbauer von Auschwitz vortrug, präsentierte Veit Wagner als Sprecher von "Weiden ist bunt" eigene Aufnahmen, die er vom Konzentrationslager gemacht hat. Bild: sbü

Als "Denktag" wollten die Veranstalter des Vortragsabends den 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz verstanden wissen. Sie baten deshalb Dr. Volker Wappmann, über "die Ofenbauer von Auschwitz" zu referieren. Dabei zeigte sich, die Geschehnisse von damals werfen auch heute noch viele Fragen auf.

(sbü) "Mehr als fünfhunderttausend Deutsche, so schätzen Historiker, hätten an den Massenmorden des NS-Regimes mitgewirkt", sagte Veit Wagner in seiner Einführung zum Vortragsabend im Café Mitte anlässlich des 70. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers (KZ) Auschwitz. Die damaligen Vorgänge um das Thema des Abends - "die Ofenbauer von Auschwitz" - erinnerten in erschreckender Weise an diese historische Gegebenheit. Deshalb bat das Bündnis "Weiden ist bunt" Dr. Volker Wappmann, noch einmal sein Referat über die Erfurter Firma "Topf und Söhne" vorzutragen.

Erinnerung sei immer wieder notwendig, weil dadurch die Bedeutung unserer gesellschaftlichen Werte wie Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrechte bewusst werde, bemerkte Wagner. Die Frage "Wie sind Menschen beschaffen, die diese Massenmorde begehen oder dazu beitragen?" sei auch schon im ersten Auschwitz-Prozess 1963 gestellt worden. Sie leitete dann auch unmittelbar zum Referat von Dr. Wappmann über den Ofenbauer "Topf und Söhne" über. Erschreckend ist vor allem die Erkenntnis, dass die Brüder Ernst-Wolfgang und Ludwig Topf so gar nicht der Klischeevorstellung des strammen Nazis entsprechen. Als Gesellschafter und Geschäftsführer eines Betriebs, der Öfen zur Verbrennung von vielen Tausenden ermordeter Menschen herstellten, fühlten sie sich als anständige Geschäftsmänner, "das Gegenteil von einem Nazi". Es gelang ihnen sogar, jüdische und auch kommunistische Mitarbeiter während des Krieges zu beschäftigen. Und sie galten als Freunde jüdischer Familien. Durch den Eintritt in die NSDAP konnten sie ihre Firma retten. Dass die Brüder Topf zusammen mit ihren Ingenieuren spätestens nach der Wannsee-Konferenz immer perfektere Verbrennungsöfen für Konzentrationslager konstruierten, wurde von ihnen als geschäftlicher Vorgang betrachtet.

Geschäft: "Leichenrutsche"

"Wenn wir nicht liefern, tun es andere", steht in einem Vernehmungsprotokoll von 1945. Und auch: "Wir hatten mit der SS rein geschäftliche Beziehungen." Geschäftsgegenstände waren laut Dr. Wappmann beispielsweise "Zwei- und Dreikammerofen, Doppel- und Dreifachmuffelofen und Leichenrutsche".

Dass zumindest Ludwig Topf sich einer Schuld bewusst war, ist aus seinem Selbstmord im Mai 1945 zu schließen. Ernst-Wolfgang Topf dagegen starb 1979, ohne jemals verurteilt worden zu sein.

In der Diskussion zum Referat kamen viele Fragen auf. Richtig befriedigende Antworten dürfte kaum ein Zuhörer mitgenommen haben.
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