Ungewöhnliche Wahl

Symbolbild: dpa
Was sagt es über die Politik in diesem unseren Lande aus, dass die Bundestagsabgeordneten auffallend oft Nirvanas "Nevermind" und Bruce Springsteens "Born in the USA" als Lieblingsplatten nennen? Dass Claudia Roth (Grüne) immer noch an "Ton Steine Scherben" ("Macht kaputt, was euch kaputt macht") hängt und Kristina Schröder (CDU) ein Rosenstolz-Album namens "Die Schlampen sind müde" zu ihrem persönlichen Favoriten erklärt? Dass unsere Spitzenpolitiker Van Halen ebenso hören wie Udo Jürgens, die Toten Hosen und Massive Attack? Eigentlich lernen wir daraus nur, dass die Abgeordneten einen Musikgeschmack haben, "den man als durchschnittlich bezeichnen kann". Das Parlament höre "Mehrheitsmusik".

So zumindest urteilt der deutsche "Rolling Stone", der für das November-Heft 200 Abgeordnete nach deren Lieblingsplatten gefragt hat. Geantwortethat auch Uli Grötsch . Nämlich: "Babel" (2012) von Mumford & Sons. Was ja nicht "Mehrheitsmusik", sondern ein Indie-Pop-Geheimtipp ist, handgemacht und bodenständig, wie es einem Oberpfälzer gefällt. Oder, wie der Waidhauser SPD-Mann gegenüber dem NT schwärmt: "ehrliche, klare Musik". Soll so nicht auch Politik sein? Seine weiteren Album-Favoriten nennt Grötsch exklusiv für den NT: Runrigs "Proterra" (2003) und U2s "Songs of Innocence" (2014).

Dass er es als Bundestagsabgeordner mal in den "Rolling Stone" schaffen würde, das hätte sich Uli Grötsch nicht träumen lassen. Sollte Albert Rupprecht diesen Traum gehabt haben - er hat sich nicht erfüllt: In der RS-Reportage kommt der CSU-Mann nicht vor. Sein Büro weiß nichts von einer entsprechenden Anfrage - obwohl das Musikmagazin behauptet, sämtliche 631 Abgeordneten angeschrieben zu haben. Sei's drum - dann lesen Sie Rupprechts Lieblinge eben bei uns: ABBA, The Cure, der estnische Komponist Arvo Pärt - und Bach. "Musik ist für mich total stimmungsabhängig, und daher ist mein Geschmack hier sehr vielschichtig - wenn gleich auch in der Ausprägung meist eher intensiv", erklärt der Politiker.

Pärt beschreibt er als "Inbegriff einer mystischen und reduzierten Klassik", ABBA halte mit buntem Pop dagegen, The Cure sei "Musik aus meinen intensiven und aufwühlenden Studentenjahren". "Über allem schwebt aber für mich die Klassik von Bach. Bach kann ich immer hören, da muss sich dann auch meine Stimmung mal hinten anstellen."

Interessant wäre wohl auch eine Pop-Umfrage unter Bayerns Landräten. Da würden die Wähler aber mit den Ohren schlackern. Kürzlich, beim "New Musics"-Festival in Wurz, verriet der Neustädter CSU-Mann Andreas Meier , was derzeit bei ihm im Auto so läuft: "Metallica. Davor Rammstein." Was lernen wir nun daraus schon wieder?
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