Unterricht, der glücklich macht

Wir haben momentan mehr Schüleranfragen, als wir adäquat versorgen können.

Schüler, die am liebsten auf Ferien verzichten würden, Lehrer, die überrascht sind von so viel Motivation: Ein Jahr nach Start der Asylbewerber-Klassen an der Berufsschule fällt das Fazit positiv aus. Trotzdem bleiben Ungewissheiten, obwohl die Teenager oft ohnehin schon Schlimmes erlebt haben.

Zuerst kommt die Sahara. Die, die auf ein besseres Leben hoffen, kauern in einem Lastwagen, der sie durch die Wüste bringen soll. Zusammengepfercht mit vielen anderen Afrikanern auf dem Weg nach Europa, in der glühenden Hitze tags, frierend in der Nacht. "Manchmal gibt es kein Essen, kein Wasser", erzählt Omar. Nicht jeder hat es geschafft. "Viele Leute sind tot", sagt Abdul. Dann kommt Libyen - "gefährlich", wegen der korrupten Polizisten. Dann die Überfahrt in irgendeinem Kahn durchs Mittelmeer, nach Europa, nach Deutschland. Und dann kommt die Berufsschulpflicht.

Abdul Wahab, 19 Jahre, Wuschelkopf, ernster Blick, und Omar Ali, 17, der nervös auf seinem Stuhl herumrutscht, wenn er von seinem Weg hierher erzählt, sitzen in der Bibliothek der Europa-Berufsschule. Der Äthiopier und der Somali besuchen die Aslybewerber-Klassen, die es dort seit etwas mehr als einem Jahr gibt und sprechen über ihren Schulalltag und ihr Leben davor. Sie sind zwei von 61 Teenagern, die ihre Heimat verlassen haben und nun am Stockerhutweg zwei Jahre lang Unterricht erhalten (Hintergrund) . Ziele sind der Quali oder der Mittelschul-Abschluss. Gleichzeitig sollen sie auf eine Ausbildung vorbereitet werden. Vor allem für die Neuen bedeutet das erst einmal: Deutsch lernen.

"Es ist kalt, es schneit", trägt Suleman vor. Der Syrer hat noch keinen Winter in Deutschland erlebt. Das sprachliche Rüstzeug bekommt er aber schon einmal. Es läuft die dritte Stunde an diesem Freitagvormittag, und Suleman und seine Klassenkameraden, die meisten Afrikaner, lernen erste einfache Sätze in der Sprache ihrer neuen Heimat. Es geht ums Wetter in den Übungen. Und um ein deutsches Familienpicknick. Von den 20 Teenagern, unter ihnen ein Mädchen, sind nur zwei mit Familie oder Verwandten nach Deutschland gekommen. Der Rest hat sich, wie Abdul und Omar, alleine durchgeschlagen. Der jüngste ist 15 Jahre alt.

Traumatische Erfahrungen

Ein großer Teil von ihnen ist traumatisiert. Von der Reise, der Einsamkeit, von Not oder Krieg in ihren Herkunftsländern. Trotzdem, berichten die Verantwortlichen, gebe es weder Probleme unter den Schülern. Noch mit den Lehrern. Im Gegenteil: "Die Rückmeldungen der Lehrer waren sehr positiv", sagt Jürgen Förster, Zentrumsleiter des Kolping-Bildungswerks. Seine Einrichtung kooperiert mit der Schule, stellt Lehrkräfte und sozialpädagogische Betreuung. Deren Erfahrungen mit den Klassen seien überraschend gewesen - im Guten: "Diesen Lernwillen der Schüler und diese Motivation vermissen sie oft in anderen Kursen", berichtet Förster.

Die Schüler kauern konzentriert über ihren Übungsheften. Die Stimmung im Klassenzimmer ist ruhig, fast ernst. "Sie wollen lernen", sagt auch Svetlana Erhardt, die an diesem Vormittag die Deutsch-Stunde hält. Die Gründe dafür dürften verschiedene sein. Bei Abdul liegen sie in Äthiopien. So schildert er es jedenfalls. "Ich bin nicht politisch", sagt er. Aber die Regierung verfolge seine Familie. Und wer verfolgt werde, könne nicht in die Schule. "Dann musst du dein Leben retten." Leben, lernen - das ist für ihn das Gleiche.

Die Gründe für die Lernfreude können sich aber auch ganz banal anhören: Langeweile. In den Flüchtlingsunterkünften bleibt den jungen Leuten oft nicht viel mehr, als die Zeit totzuschlagen. Also lieber Unterricht. "Sie sind wissbegierig, sie beschweren sich sogar, wenn Ferien kommen", erklärt Manfred Wichmann. Der Fachbetreuer ist vonseiten der Europa-Berufsschule für die Klassen zuständig. Nachdem es nun ein Jahr läuft, fällt sein Urteil über das Projekt günstig aus. Auch wenn es natürlich oft Schwierigkeiten gebe. Etwa, weil die jungen Flüchtlinge völlig unterschiedliche Vorkenntnisse in Mathe mitbringen. Trotzdem: Weil die Motivation bei allen hoch ist, gibt sich Wichmann zufrieden.

Ein Erfolg sei beispielsweise das Ende des zurückliegenden Schuljahres gewesen. Die erste Klasse, die im Herbst 2013 gestartet war, absolvierte da einen Deutsch-Test, Thema war Goethe. Einige hätten dabei Zertifikate erhalten, mitunter in beachtlichen Niveau-Stufen. Auch die jungen Zuwanderer selbst zeigen sich angetan. "An der Schule gibt es keine Probleme", sagt etwa Abdul. "Wir sind glücklich, hier eine Chance zu haben zu lernen."

Lange Warteliste

Die Probleme liegen eher woanders. Die Raumnot bei der Berufsschule ist ohnehin bekannt. Hinzu kommt: Das Angebot ist kleiner als die Nachfrage. Nachdem 2013 eine erste Klasse gestartet war, begannen heuer zwar schon zwei. Dennoch "haben wir momentan mehr Schüleranfragen, als wir adäquat versorgen können", sagt Wichmann. Es gebe eine Warteliste mit 20 bis 25 Namen, wobei sich die Zahlen ständig änderten.

Aber nicht nur hier ist die Planung schwer. Erst recht gilt das für die Schüler und ihr weiteres Leben. Sie wissen nicht, ob oder wann sie abgeschoben werden, auch wenn das bislang noch keinem an der Berufsschule passiert ist. Sie lernen mit Eifer Deutsch, während ihnen ständig droht, Deutschland wieder verlassen zu müssen. Sie warten auf eine Ausbildung, die theoretisch jeden Augenblick unterbrochen werden könnte.

Deutschstunde. Zu Gast ist diesmal Stadtrat Alois Schinabeck. Er vertritt die Stadt, die das Projekt unterstützt. Von den Schülern will er wissen, als was sie denn später einmal arbeiten möchten. Es wird der lebhafteste Moment der Stunde. Feuerwehrmann, erklärt einer, Elektriker, ein anderer. Eine angehende Krankenschwester ist auch dabei. Und einer, der sich schon exakt Gedanken gemacht hat: "Ich möchte ein Kleinflugzeug fliegen."

Politik macht Hoffnung

Ob es bei diesem Wunsch bleibt, abwarten. Die Schüler werden jedenfalls in Praktikumsphasen noch die Möglichkeit bekommen, verschiedene Berufe kennenzulernen. Das Bäckerhandwerk zum Beispiel, das sich derzeit schwer tut, deutsche Azubis zu bekommen. Auch wenn klar sein sollte, dass die Asylbewerber hier "nicht als Lückenbüßer" herhalten müssen, wie Wichmann sagt. Überhaupt: Es gebe Signale aus der Politik, dass sich für die jungen Flüchtlinge etwas ändern könnte. Ziel sei, dass sie alle in Ausbildung kommen - und währenddessen nicht abgeschoben werden. Ungewiss ist aber weiter, was danach passiert.

Mit diesem Problem muss sich auch Abdul herumschlagen. "Ich hoffe, dass der Pass kommt, aber ich weiß es nicht." Er wolle nach der Schule gerne Kfz-Mechatroniker lernen, erzählt er. Und dann vielleicht das Abi machen. Und dann zur Uni. Vielleicht. "Wir haben viele Wünsche. Aber wir wissen nicht, was passiert."
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