Verdrängte Schönheiten

Oft vernachlässigt, sprießen sie im Verborgenen und sind doch wunderschön. Aber auch wichtig für die Tier- und Naturwelt: Ackerwildkräuter. Vertreter des Bund Naturschutz (BN) zeigten zusammen mit Fachkollegen, was in Kräuterpflänzchen steckt.

Amberg-Sulzbach. (okt)"Ackerwildkräuter sind vergessene Schönheiten" - darin waren sich die Teilnehmer der gestrigen Kräuter-Exkursion einig. In vielen Regionen Bayerns gibt es die blütenreichen Wildpflanzen nämlich nur noch auf wenigen Flächen. Mehr als 30 Prozent der 270 heimischen Ackerwildkrautarten sind in Deutschland gefährdet. BN-Landesvorsitzender Hubert Weiger konstatierte einen "galoppierenden Artenschwund, den man so nicht mehr zur Kenntnis nimmt". Die Folgen für den Naturhaushalt seien gewaltig, denn viele Insekten leben in und von Kräutern. Weniger Insekten bedeuteten aber zugleich weniger Vögel. "Der Artenschwund potenziert sich", bedauerte Weiger. So kommt ein aktueller BN-Artenschutzreport über die zehn wichtigsten Vogelarten im ländlichen Raum zu dem Schluss, dass nur noch knapp über die Hälfte der Populationsstärke erreicht wird, die zur Erhaltung nötig ist.

Gefahr durch Pestizide

In einem gemeinsamen Projekt setzen sich der BN, der Deutsche Verband für Landschaftspflege (DVL), die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) und die Ökoverbände in Bayern für eine Vielfalt auf dem Acker ein. Nächstes Jahr startet ein Wettbewerb zu blühenden Ackerwildkräutern in der Oberpfalz.

Horst Schwemmer, Geschäftsführer der BN-Kreisgruppe Amberg-Sulzbach, stellte gestern in Adertshausen im Lauterachtal einen "Acker der Vielfalt" vor. Das für dieses Tal gerne herangezogene Sprachbild der "Toskana der Oberpfalz" beschreibe recht gut, welches Potenzial an pflanzlicher Vielfalt dort vorzufinden sei. Richard Lehmeier vom Landschaftspflegeverband Amberg-Sulzbach betonte: "Das größte Problem sind die Herbizide und mineralischen Dünger." Sie würden nicht nur zielgerichtet, sondern auch in die Breite wirken und viele Pflanzen verdrängen, die eigentlich erhalten werden sollten.

Eine Gemeinschaftsaufgabe

Auch eine intensive Landwirtschaft sowie enge Saatdichten hemme die Vielfalt. Dabei könne jeder Landwirt zum Schutz der Kräuter beitragen. Durch den Anbau von Winterfrüchten bleiben beispielsweise viele Ackerwildkräuter erhalten und erreichen die Samenreife. Der Samen überlebe langfristig im Boden und keime oft noch nach vielen Jahren. Der Landwirt Hubert Lautenschlager erzählte in Heinzhof von der Fruchtfolge, die er auf seinem Biolandbetrieb anwendet. "Zweijährig Kleegras, dann Sommergerste, Winterdinkel, anschließend wird bodenabhängig Winterroggen oder Hafer mit einer Untersaat Kleegras angebaut."

Programme ausweiten

Johannes Enzler (BN-Arbeitskreis Landwirtschaft) sagte, man plädiere schon seit Jahren für einen Mehrfruchtanbau, der in Bayern deutlich zurückgegangen sei. Für ihn war noch ein anderer Aspekt wichtig: "Man darf nicht vergessen, dass viele Kulturarten wie der Hafer aus Wildgräsern entstanden sind." Die Naturschützer fordern unter anderem, dass das bestehende Vertragsnaturschutz-Programm Acker in Bayern von 1700 auf 5000 Hektar sowie das nationale 100-Äcker-Programm auf 1000 Flächen auszuweiten. Auch Lehrkräfte von Landwirtschaftsschulen sollen für das Thema sensibilisiert werden. Weiger bringt es auf den Punkt: "Beikräuter sind keine Unkräuter. Es ist eine große Gemeinschaftsaufgabe, das zu vermitteln."
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