Vereint von und für Flüchtlinge

Mit diesem Brief ist es offiziell: "Somali Plus" ist eingetragener Verein. Mit dem Zusammenschluss wollen Vorsitzender Ilyas Ali Hassan (von rechts), Stellvertreterin Shamsa Lins und Unterstützer wie Veit Wagner Flüchtlingen bei der Ankunft und Integration in Deutschland helfen. Bild: fku

Wer könnte Flüchtlingen bei der Ankunft und Integration in Deutschland unterstützen? Andere Flüchtlinge, dachte sich ein Somalier, der selbst erst seit Kurzem in Weiden ist. Also tat er sich mit anderen zusammen und organisierte Hilfe auf sehr engagierte und sehr deutsche Weise.

Zu den bedeutendsten Errungenschaften hierzulande zählt neben dem Automobil und der Erfindung der Pünktlichkeit unbedingt auch das Vereinswesen. Es war mithin ein sehr deutscher Schritt, als der angehende erste Vorsitzende Ilyas Ali Hassan mit weiteren künftigen Förder- und Vollmitgliedern das Weidener Amtsgericht betrat. Zum Zweck der Durchführung der Anmeldung zum Vereinsregister. Der zuständige Amtsmann war trotzdem erst einmal irritiert. Ein Verein von Ausländern für Ausländer? Na, so was.

So erzählen es Hassan und seine Mitstreiter heute, da alle Fragezeichen ausgeräumt sind. Ganz offiziell. Ilyas Ali Hassan, Flüchtling aus Somalia, seit Januar 2013 in Deutschland, ist jetzt Gründungsvorsitzender. Der 32-Jährige, blaues Sakko, royalblaues Hemd, hat eine Aktenmappe mitgebracht. Mitgliederlisten sind darin, verschiedene Satzungsentwürfe - wieder und wieder überarbeitet, bis sie allen Vorgaben genügten. Und - seit Mittwoch vergangener Woche - liegt auch der Brief vom Amtsgericht bei. Mit der Bestätigung: Hassans "Somali Plus" ist eingetragener Verein. Und ein besonderer.

In ihm engagieren sich vorwiegend Somalier, die nach Deutschland gekommen sind, für andere Neuankömmlinge - in erster Linie für Somalier, aber auch für weitere Flüchtlinge jedweder Herkunft. "Somali Plus" eben. Drei Ziele gibt es, sagt Hassan: "Erstens informieren. Zweitens Bildung. Drittens Integration." Erreichen wollen sie das durch individuelle Beratung, Sprachunterricht oder Informationen über kulturelle Eigenheiten in Deutschland.

Gemeinsam mehr schaffen

Hassan, der in seinem Geburtsland Betriebswirtschaft studiert hat, entwickelte die Idee aus seiner eigenen Erfahrung als Flüchtling. Nach seiner Ankunft in Deutschland, bei seiner ersten Station in einem Heim in München, "habe ich gesehen: Es fehlt etwas". Das gehe bei sprachlichen Problemen los - an Übersetzern mangelte es oft. Noch mehr Schwierigkeiten gebe es bei den Analphabeten unter den Flüchtlingen ("In der Heimat haben die Leute nicht die Chance, zu lernen."). Und überhaupt könne man noch mehr machen als das, was in den obligatorischen Integrationskursen geboten werde. Er merkte, sagt Hassan: "Es ist gut, wenn wir etwas organisieren."

Dabei mag er als Hochschulabsolvent selbst bei der Ankunft im neuen Land etwas weniger Probleme gehabt haben. Nachdem er vor bald zwei Jahren schließlich in Weiden gelandet war, belegte er einen zusätzlichen Deutsch-Kurs und einen Kurs für Business-Englisch an der OTH. Ihm sei aber wichtig, seine Erfahrung an andere weiterzugeben. Und das nicht nur allein. "In der Gruppe können wir mehr erreichen."

Also tat er sich mit anderen Flüchtlingen zusammen. Außerdem traf er Shamsa Lins. Die Weidenerin, die heute zweite Vorsitzende ist, hat wohl das meiste Know-how, da sie vor 30 Jahren nach der Hochzeit mit einem Deutschen aus Somalia in die Oberpfalz zog. Trotzdem wurde es "eine mordslange Geschichte".

Erstes Seminar

Das sagt Veit Wagner. Der Stadtrat und pensionierte Englischlehrer unterstützte die Gründung, etwa als Übersetzer. Hilfe, die von Beginn an gefragt war. Organisator Hassan hatte schließlich schon zum ersten Treffen einen mehrseitigen Satzungsentwurf auf Englisch mitgebracht. Es folgten erste Sprecherwahlen und Absichtserklärungen - und eine längere Tour durchs Wesen der deutschen Formalitäten: Gänge zum Finanzamt, Notar, Amtsgericht.

Den Elan bremste das nicht. Im Gegenteil. An einem ersten, mehrtägigen Seminar nahmen sie bereits vor dem Eintrag ins Vereinsregister teil. Es ging um Flüchtlingspolitik. Weitere sind geplant. Im November in Berlin etwa eine Infoveranstaltung über das politische System Deutschlands. Für 2016 hat "Somali Plus" ein Programm mit zehn Punkten erarbeitet, berichtet Hassan. Themen unter anderem: Genitalverstümmelung bei Frauen, Kriminalitätsprävention - und Vereinsstrukturen.

Deutschlandweit tätig

Die Struktur von "Somali Plus" selbst ist vorläufig noch überschaubar. Es gibt 25 Voll- und rund 15 passive Mitglieder. Sie kommen aber längst nicht nur aus Weiden. Auch Flüchtlinge, die in Frankfurt oder Kassel untergekommen sind, sind dabei. Sitz bleibt zwar die Max-Reger-Stadt. Der Verein verstehe sich aber als bundesweit tätig. Integration sei schließlich ein gesamtdeutsches Thema.

Apropos Deutschland: Es ist dem 32-Jährigen wichtig, der neuen Heimat Danke zu sagen. Der Regierung, dem Weidener Oberbürgermeister und der Bevölkerung. Sie sollten wissen, dass die Flüchtlinge ihnen dankbar seien. Dafür, dass sie andere Menschen aufnehmen.

Hassan selbst, der seit einem Jahr als Flüchtling anerkannt ist, will derweil auch noch auf andere Art mit seiner Arbeit für andere weitermachen. Er werde demnächst die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen besuchen und den Studiengang "Human Rights" absolvieren. Menschenrechte - das gefalle ihm, sagt er. Damit könne er vielleicht später einmal bei einer Nichtregierungsorganisation arbeiten. Oder bei einer Stiftung. Für ihn wäre es ein Traum, erklärt der erste Vorsitzende. "Menschen zu helfen, ist mein Hobby."


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Unterstützer gesucht

Im Verein "Somali Plus" wollen - vor allem, aber nicht nur - Flüchtlinge aus Somalia einen Beitrag zur Integration anderer Neuankömmlinge in Deutschland leisten. Aber sie können auch selbst noch Hilfe brauchen, sagt Vorsitzender Ilyas Ali Hassan. Vor allem suchen sie einen Freiwilligen, der dabei hilft, Korrespondenz vom Englischen in fehlerfreies Deutsch zu übersetzen. Auch jemand mit Computerkenntnissen, der bei der Homepage unterstützt, wäre ein willkommener Mitstreiter. Infos und Kontakt: www.somaliplus.org oder www.facebook.com/SomaliPlus

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