Vergewaltigung im Heilpädagogischen Zentrum Irchenrieth: "Darauf zu kommen, ist nicht so ...
Pflegekräfte lassen nichts unversucht

(ca) Neun Pflegekräfte des Heilpädagogischen Zentrums Irchenrieth werden vor dem Landgericht als Zeugen gehört. Sie beschreiben übereinstimmend die Ratlosigkeit, als man die behinderte Eva S. (Name geändert) ab Mai 2014 wiederholt nach der Nachtschicht mit Blutungen vorfand. Schon beim ersten Mal holte der Pfleger die Wohnbereichsleiterin, die am gleichen Tag einen Arzttermin vereinbarte.

Die Mitarbeiter dachten an alles mögliche. "Eine Bewohnerin war kurz zuvor an Krebs gestorben", sagt der 35-jährige Pfleger. Kurzzeitig zog er sogar Selbstverletzung in Betracht. "Bei unseren Bewohnern muss man mit allem rechnen", meint er durchaus liebevoll. Aber Vergewaltigung der 54-jährigen Schwerstbehinderten? "Darauf zu kommen, dass das einen völlig anderen Hintergrund hat, das ist nicht so einfach."

Der Angeklagte Pascal H. (22) gestehe die Vergewaltigung, erklärt sein Verteidiger Tobias Konze. Zumindest die angeklagte Tat. Er habe sich im Mai/Juni 2014 in das Zimmer der Frau im Pflegeheim geschlichen und Geschlechtsverkehr ausgeübt. Dabei habe sie Abwehrbewegungen gezeigt.

Damit hat Eva S. den Rahmen ihrer Möglichkeiten ausgeschöpft. Im Kindesalter an Meningitis erkrankt, kann sie nicht sprechen, ist völlig teilnahmslos. "Sie kann sich nicht so wehren, wie wir das machen würden", erklärt eine Pflegerin. Abwehrreaktionen kenne sie von Eva S. beispielsweise vom Duschen: Da schiebe sie den Brausekopf weg oder ziehe am Schlauch, mehr auch nicht.

Das Personal hat nichts unversucht gelassen. Man ging zum Hausarzt, zur Frauenärztin. Diese maß wechseljahrbedingte Hormonwerte und verschrieb eine Salbe. Verletzungen habe sie nicht entdeckt, "aber die wären nach 2, 3 Tagen abgeheilt gewesen". "Im Leben nicht" wäre sie auf Vergewaltigung gekommen. Man wurde sogar beim Urologen vorstellig. Es gab keine plausible Erklärung.

"Wir haben uns gesagt: Wir müssen etwas machen", erinnert sich eine Pflegerin (44). Im August wurde in Absprache mit der Leitung nachts die Zimmertür verschlossen. "Dann war Ruhe. Als wir aufließen, ging's wieder los." Schließlich installierte man erst erfolglos ein Babyphone, dann eine Überwachungskamera. Diese filmte im Oktober 2014 Pascal H. um 3.30 Uhr in Unterhosen vor Evas Tür.

Ihn kannte hier jeder. Der nur leicht lernbehinderte 22-Jährige wohnte in der Wohngruppe nebenan, geisterte aber zu jeder Tages- und Nachtzeit durch das Heim. "Wir sind ein offenes Haus." Auch nachts stand er oft unvermutet hinter den Pflegerinnen und suchte das Gespräch. Im Nachhinein fiel ihnen wie Schuppen von den Augen, dass er eventuell nur spionierte. "Ich habe mal gesagt: Komm Pascal, geh ins Bett. Ich muss mit meinem Rundgang im anderen Haus anfangen. Und dann war ich eine gute Stunde weg", bedauert eine Pflegerin. "Jetzt sind wir schlauer."

Im Sommer 2014 wirkte Eva S. auf einige Betreuer ängstlich, schlief unruhig. "Bei den Rundgängen schreckte sie jedes Mal auf." Wie schlafe sie jetzt, will Landgerichtspräsident Walter Leupold wissen. "Einwandfrei."
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