Vermisst in Weiden

Erst als der Vater stirbt, wird ein lang gehütetes Familiengeheimnis gelüftet. Es führt Andrea Kristian-Bedraoui, eine Frau aus Niederkassel, nach Weiden. Sie bittet den "Neuen Tag" um Hilfe.

Es war die Schlagzeile "Babys ohne Trauschein im Trend". Sie animiert Andrea Kristian-Bedraoui dazu, die Redaktion des Medienhauses "Der neue Tag" um Hilfe zu bitten. Die Frau aus Niederkassel bei Bonn sucht ihren Halbbruder aus Weiden. Bis vor einem Monat wusste sie gar nicht, dass sie einen hat.

Ende der 1950er Jahre wurde er als unehelicher Sohn des in Weiden stationierten Bundeswehrsoldaten Hermann, Andrea Kristians Vater, und einer "äußerst attraktiven Barfrau aus dem Teehaus" in der Max-Reger-Stadt geboren. Der Sohn heißt wie sein Vater: Hermann. 56 Jahre lang war seine Existenz ein gut gehütetes Geheimnis des Vaters. Erst nach dessen Tod im Oktober kam Andrea Kristian diesem Geheimnis wegen der Unterlagen vom Finanzamt und der dürftigen Informationen ihrer Mutter auf die Spur. Die Spur führte sie nach Weiden zum Einwohnermelde- sowie zum Jugendamt. Hier landeten Kristians Recherchen aber in einer Sackgasse. "Ich muss arbeiten, meine Tochter betreuen und wohne relativ weit weg. Ich kann nicht wie TV-Moderatorin Julia Leischik um die Häuser ziehen und Leute befragen." Unsere Zeitung soll helfen - und tut's.

Verräterische Unterlagen

Das Puzzle setzt sich nach und nach zusammen. Der Bundeswehrsoldat aus Oberbayern war Anfang 20, als er sich im Teehaus der 1950er Jahre in die "äußerst attraktive Barfrau Anna" verguckt hat. Dabei war er nicht allein. Wohl alle jungen Soldaten waren ein wenig verliebt in die Mitdreißigerin. So jedenfalls wusste es Andrea Kristians Mutter aus Erzählungen des Vaters zu berichten. Anna und Hermann wurden ein Paar. Trotzdem zog der Soldat nach etwa sechs Monaten weiter - ohne zu wissen, dass Anna schwanger war.

Erst als die Barfrau mit ihren Eltern und dem Kind vor der Tür der verwitweten Mutter in Oberbayern stand, wurde es ernst: "Die Familienähnlichkeit bei Klein-Hermann war wohl nicht zu übersehen", erfuhr Andrea Kristian vom Onkel aus Oberbayern. Die Folge: Der Soldat zahlte bis zum 18. Lebensjahr seines Sohnes Unterhalt. Anderswo heiratete er aber eine andere Frau, die Mutter von Andrea Kristian. Mit ihr gründete er eine neue Familie, lebte in Niederkassel. Die Barfrau Anna blieb in Weiden.

"Warum nur hat mein Vater mir nie etwas gesagt?" Genau das fragt sich Andrea Kristian jeden Tag. Hat er sich für das uneheliche Kind geschämt? "Aber er hat doch gesehen, dass ich der erste Punk an unserer Schule war. Ich bin nicht spießig." Der Vater hat trotzdem dicht gehalten. Mutter und Onkel schwiegen sowieso. Der Bruder weiß bis heute nichts von der Existenz des Halbbruders. Andrea Kristian dagegen wird verrückt vor Neugierde. Der NT recherchiert.

In Zusammenarbeit mit Stadtarchivarin Petra Vorsatz stellt sich heraus, Anna bekam drei Jahre nach Hermann ein weiteres uneheliches Kind. Das Mädchen verstarb, als es gerade mal vier Monate alt war. Später heiratete die Barfrau. Sie entschied sich für einen 14 Jahre jüngeren Mann, der ihren Sohn adoptiert hat. Heute lebt das Ehepaar nicht mehr. Sohn Hermann ist weggezogen. Wohin ist unklar. Hermanns Nachname aber, er hat den des Adoptivvaters angenommen, ist selten. Und Google ist allwissend. Es gibt einen Namensvetter über 300 Kilometer entfernt von Weiden in Baden-Württemberg. Volltreffer!

Halbbruder freut sich

"Er ist es", teilt Andrea Kristian unserer Zeitung euphorisch mit. Gerade hat sie mit ihrem Halbbruder telefoniert: "Er wusste von seinem Vater, hat mich ein wenig erzählen lassen und meinte, dass er sich freuen würde." Wie's nun weitergeht, weiß die Frau aus Niederkassel nicht so recht. Vielleicht stellt sie ihren großen Bruder bald mal der elf Jahre alten Tochter vor. Vielleicht auch nicht.

Andrea Kristian ist noch unsicher, will das Kennenlernen abwarten. Ein Treffen auf neutralem Boden wäre ein Anfang. Eventuell in Weiden ...? Wenn "Der neue Tag" auch darüber berichten will, hat die Frau aus Niederkassel kein Problem damit. "Wie gesagt, ich bin nicht spießig und ich danke für Ihre Mühe bei der Familienzusammenführung." Gern geschehen.
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