Versunken im flockigen Lügenbrei

Noch hat Harry (Robert Speidel, Mitte) die Hosen an. Doch das Meeting mit Marketing-Beraterin Gabriele (Kristine Walther) und Bürgermeister Alois (Michael Hase) ist längst außer Kontrolle geraten. Bild: Tobias Schwarzmeier

Um Wahrheit oder Fakten geht es schon lange nicht mehr. Nur darum, wie sich eine unangenehme Nachricht an die Bürger so verkaufen lässt, dass sie wenig Wellen schlägt. Doch nun will Bürgermeister Alois Schmidthuber die beliebten Seefestspiele abschaffen. Das schreit nach einem seiner berühmt- berüchtigten Notfall-Meetings.

Zyniker wussten es immer: Der moderne Weg der politischen Desinformation führt über die teuflische Dreieinigkeit: PR-Beraterin, Politiker und Pressesprecher. Oder wie die Stadtmarketing-Expertin Dr. Gabriele Heilmann-Wölk in der Boulevardkomödie "Das Meeting" sagt: "Ich füttere ihn mit dem immer gleichen Marketing-Brei, er schluckt und verdaut ihn und was dabei herauskommt ist immer die gleiche Sch...."

Kaum einmal wurde dieser Brei so lecker angerührt wie in der Inszenierung des Stoffs von Stephan Eckel durch das "schauspielweiden" im Kunstverein Weiden. Der Berliner Regisseur Jens Zörner zerpflückt mit großstädtischem Genuss die großkotzigen und zugleich seltsam kleinbürgerlichen Figuren, die sein spielfreudiges Ensemble mit viel Verve ausgestaltet.

Ähnlichkeiten beabsichtigt

Die urkomischen Zustände in der fiktiven Kleinstadt werden bei näherem Blick durch die Zuschauer immer weniger fiktiv und erinnern - zumindest punktuell - an ihre Heimatorte. Weidens Oberbürgermeister Kurt Seggewiß etwa, der die Premiere am Donnerstag sichtlich genoss, musste an einigen Stellen besonders laut lachen. Nachfragen wären hier interessant gewesen, aber er hätte wohl mit "Kein Kommentar" geantwortet.

Besonders die grandios spielende Kristine Walther ist als eiskalte, unglaublich zynische Beraterin eine Offenbarung. Als Extrem-Role-Model für sämtliche PR-, Marketing-, Unternehmens- und Image-Beraterinnen glänzt sie mit hanebüchen medientauglichen Formulierungen und mit der Gabe, wirklich jedes Sprichwort zu verhunzen. Die optisch wenig ansprechende Weinkönigin wird durch sie zum "Gesicht für regionale Produkte" - will heißen, für die Gesichtswurst vom örtlichen Metzger.

Die Expertin für die passend gemachten Wahrheiten hat dieses Mal allerdings eine schwere Nuss zu knacken. Sind doch die Festspiele einer der wenigen Touristenmagneten, bei denen die Leute übernachten - und nicht nur in der eigenen Kotze liegend am Marktplatz. Hilfe oder konstruktive Ideen hat sie dabei nicht zu erwarten. Der Bürgermeister ("schauspielweiden"-Veteran Michael Hase in überdrehter Bestform) hat außer abenteuerlichen Pseudo-Fachbegriffen - frisches Geblubber aus dem neuesten Gehirnwäsche-Manager-Seminar - wenig beizutragen. Was ihn nicht daran hindert, den Oberboss heraushängen zu lassen.

Brachiales Beschnuppern

Der unbedarfte neue Pressesprecher (Robert Speidel als aberwitzig gutgläubiger Harry Lang) droht schon beim rüden beziehungsweise sexuell aufdringlichen ersten "Abtasten" von den beiden zerrieben zu werden. Im Reigen von urkomischen Manipulationen, Intrigen und Anzüglichkeiten im gemeinsamen "Krupp-Sinking" ("Gruppennachdenken") stellt sich die Frage nach dem Alpha-Tier dieses "Kompetenzteams".

Als Schmidthuber Heilmann-Wölks Katze überfährt - das einzige Indiz einer menschlichen Facette an ihr - kommt Schwung die immer skurriler werdende Geschichte. Der Bürgermeister ("Täuschen und Ablenken") versucht den Kadaver im Aktenvernichter zu schreddern und lässt Lang strippen, um ihr die schlechte Nachricht beim Sex zu überbringen. Beim überraschenden Ende merkt das Publikum, dass es ebenfalls getäuscht wurde. Doch bis dahin hat es beim kurzweiligen Spaß viele Lachtränen vergossen.

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