"Viele Betriebe haben resigniert"

Trotz Bewerberkrise: Für Kreishandwerksmeister Karl Arnold sprechen viele Gründe dafür, dass junge Leute ihre berufliche Zukunft im Handwerk suchen sollten. Bild: Bühner

Immer weniger Schulabgänger wollen einen Handwerksberuf lernen. In der nördlichen Oberpfalz ist dieser Rückgang besonders stark. Im NT-Interview fordert Kreishandwerksmeister Karl Arnold, aus dem Nachwuchsmangel Konsequenzen zu ziehen.

(sbü) In der Region sank binnen Jahresfrist die Zahl der im Handwerk abgeschlossenen Neuverträge um gut 14 Prozent. Das ist deutlich mehr, als die Demografie rechtfertigen würde. Das Interview mit Kreishandwerksmeister Arnold führte Siegfried Bühner.

Warum ist der Rückgang bei den Ausbildungsverträgen im Handwerk in der nördlichen Oberpfalz so stark?

Für die Entwicklung sehe ich mehrere Ursachen. Zunächst sind es die Demografie und der starke Drang zu den weiterführenden Schulen, die überall Nachwuchsmangel auslösen. Doch in unserer Region kommt noch etwas anderes dazu. Das Handwerk hat hier in der Vergangenheit besonders viel ausgebildet. Das zeigen die Zeitreihen eindeutig. Vielleicht hat auch mancher einen Handwerksberuf mangels Alternativen gewählt. Jetzt gibt es überall Bewerbermangel, und da suchen Jugendliche ihre verbesserten Chancen - leider vorrangig in den Büroberufen.

In welchen Handwerksbereichen ist der Nachwuchsmangel besonders groß?

Ganz schwierig ist es im Ernährungsbereich, also bei Bäckern und Metzgern. Viele Betriebe haben dort schon seit Jahren resigniert und melden keine freien Ausbildungsplätze mehr. Dabei ist der frühe Arbeitsbeginn in den Bäckereien längst kein Tabuthema mehr. Aber auch in vielen anderen Handwerksbereichen fehlen die Bewerber. Weite Teile des Bauhaupt- und Nebengewerbes und sogar die Kfz-Berufe zählen dazu. Langfristig gefährdet dies die Existenz vieler Betriebe.

Welche Argumente sprechen aus Ihrer Sicht für die Wahl eines Handwerksberufs?

Da könnte ich sehr viel aufzählen. Ich nenne einmal nur weniges, so zum Beispiel, dass der Jugendliche im Handwerk im Regelfall heimatnah und damit auch mit niedrigeren Lebenshaltungskosten arbeiten kann. Und vor allem sind es die hervorragenden Arbeitsmarktchancen, die in den meisten Handwerksberufen bestehen. In den Büroberufen liegen die Arbeitslosenquoten doch viel höher. Und die Aufstiegsmöglichkeiten sind im Handwerk mindestens so gut wie anderswo. Meisterprüfungen erschließen Führungstätigkeiten oder die Selbstständigkeit und sogar auch ein Studium. Das Handwerk ist doch ziemlich krisensicher. Auch die Informationstechnologie zieht bei uns immer mehr ein. Ist es übrigens nicht eine dankbare Sache, wenn man das eigene Arbeitsergebnis greifen kann?

Wie lässt sich der Rückgang bremsen?

Auch hier könnte ich eine lange Aufzählung liefern. Ganz oben steht, dass wir bei Bewerbern und ihren Eltern noch viel mehr Überzeugungsarbeit leisten müssen. Und auch an die Adresse der Betriebe sage ich, die Zeiten in denen ein Lehrling auch eine billige Arbeitskraft war, sind doch längst vorbei. Mehr Wertschätzung des Mitarbeiters, in einigen Berufen auch eine übertarifliche Bezahlung oder ein familienfreundliches Betriebsklima sind für mich dabei wichtige Stichworte. Betriebsfeiern, gemeinsame Veranstaltungsbesuche und verstärkte Öffentlichkeitsarbeit halte ich für sehr sinnvoll. Vielleicht könnten sich einmal Betriebe zusammenschließen, um gemeinsam Aktions- oder Informationstage abzuhalten, so wie es die großen Industriebetriebe machen. Insgesamt ist zu sagen: Wir müssen in den Köpfen der Bewerber und ihrer Eltern mindestens Gleichwertigkeit gegenüber den anderen Ausbildungsrichtungen herstellen. Faktisch ist dies ja längst der Fall.

Sind Bewerber aus dem Ausland eine Lösung?

Ich will das im Einzelfall nicht ausschließen. Warum soll etwa ein Jugendlicher aus dem tschechischen Grenzland nicht auch zum Ausbildungspendler werden? Aber die Lösung des Problems "Nachwuchsmangel" sehe ich hierin auf absehbare Zeit nicht. Erst recht nicht mit Jugendlichen aus anderen EU-Ländern. Den erforderlichen Betreuungsaufwand kann der kleine Handwerksbetrieb doch nicht leisten. Wir müssen auch dringend Verbesserungen bei der Anerkennung ausländischer Abschlüsse herbeiführen.
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