Vielen Bauern droht das Aus

Das Thema Milch polarisiert: 2009 ließ sich ein Bundestagsabgeordneter sogar zu einer Ohrfeige hinreißen. Heute, fünf Jahre später, müssen viele kleinere Milchviehbetriebe in Bayern um ihre Existenz fürchten. Grund ist eine Quotenregelung, die im April 2015 ausläuft.

Vor fünf Jahren war der Milchpreis auf einem historischen Tief. Bauern schütteten aus Protest ihre Milch in die Gullys und zündeten Strohballen an. Der negative Höhepunkt ereignete sich zwei Wochen vor der Bundestagswahl, als der Neumarkter Bundestagsabgeordnete Alois Karl (CSU) einer Landwirtin eine Watschn verpasste, die ihn zuvor mit einer Kanne Milch überschüttet hatte.

Aktuell sorgt neben dem sinkenden Preis eine Quotenregelung, die ab 1. April 2015 entfällt, für viel Zündstoff. Helmut Graf, BDM-Vorsitzender (Bundesverband deutscher Milchviehhalter) des Landkreises Amberg-Sulzbach, sagt einen Strukturumbruch voraus: "Die großen Betriebe werden mehr, die kleinen weniger." Im Freistaat haben laut BDM nur 2,3 Prozent der Milchviehhalter mehr als 100 Kühe in ihren Ställen stehen. Die vielen kleinen bayerischen Betriebe müssen nach dem Wegfall der Quotenregelung mit Betrieben konkurrieren, die mehrere Tausend Kühe ihr Eigen nennen. Der Kreisvorsitzende glaubt, dass sich die Zahl der Milchviehhalter in Bayern innerhalb der nächsten fünf Jahre halbiert.

Viele Strafzahlungen

Einige Bauern reagieren deshalb bereits. Landwirte vergrößern laut Graf ihren Betrieb und stocken den Kuhbestand auf, um für die Zeit nach dem 1. April gerüstet zu sein. Viele liefern folglich mehr Milch, als ihre Quote zulässt, und nehmen Strafzahlungen in Kauf. "Diese Betriebe sind es, die den Preis kaputt gemacht haben", kritisiert Graf.

Die Folge ist eine Rekord-Super-Abgabe (siehe Infokasten), die heuer von vielen Experten erwartet wird. Die hohe Überproduktion führt Graf aber auch darauf zurück, dass öffentlich immer wieder ein "soft landing" (weiche Landung) nach dem Wegfall der Milchkontingentierung propagiert wurde. Viele Bauern hätten deswegen gehofft, keine Super-Abgaben mehr zahlen zu müssen.

Schwankungen trotz Quote

Umstritten ist der Wegfall der Milchkontingentierung auch bei den Politikern. Die Europaabgeordneten Albert Deß (CSU) und Ismail Ertug (SPD) sind sich darüber ganz und gar nicht einig. Deß, Vorsitzender der Arbeitsgruppe Landwirtschaft und ländliche Entwicklung der Europäischen Volkspartei (EVP), will nicht beurteilen, wie es künftig weitergeht. "Wenn ich das wüsste, wäre ich ein Prophet."

Der CSU-Politiker verweist allerdings darauf, dass der Milchpreis trotz der Quote immer wieder Schwankungen unterworfen war. Er erinnert an die 2009er Krise und aktuell an den russischen Importstopp für europäische Agrarprodukte. Deshalb befürwortet er den Wegfall der Quote. Er fordert aber, dass es auch künftig die Möglichkeit geben müsse, "leicht regulierend einzugreifen".

Ertug hingegen spricht sich für eine "klare Gegenkraft zum Einzelhandel" aus. Um eine Preisstabilität zu gewährleisten, müssten sich Erzeuger zusammenschließen und klare Absprachen über die Produktionsmengen treffen. Nur so könnten Landwirte gemeinschaftlich über Liefermengen entscheiden.

Ertug glaubt, dass die mögliche Überproduktion zu sinkenden Preisen führt. Die Zukunft der Milchviehbetriebe zeichnet er düster: "Die einen wollen in naher Zukunft investieren und Ställe vergrößern und damit ihre Existenz sichern. Die anderen machen sich aktuell Gedanken, ob sie vielleicht ihren Hof aufgeben müssen." Für beide Gruppen gelte, dass unabhängig von der Stallgröße oder der Anzahl der Tiere, kein Landwirt auf Dauer existieren könne, wenn die Milchpreise unter den Erzeugerpreisen lägen.

"Letzte Bastion fällt"

Nicht alle sind in der glücklichen Lage wie Landwirt Martin Prey aus Niedermurach (Kreis Schwandorf). Er hat seinen Stall (55 Kühe) bereits abbezahlt und sei relativ unabhängig. Der 52-Jährige sagt, dass die Quotenregelung die letzte Bastion gewesen sei, die den Strukturwandel aufgehalten habe. Deshalb fasst er zusammen: "Ich habe persönlich keine Angst vor der Zukunft, vor der allgemeinen Veränderung graust es mir aber." (Angemerkt)
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